Kommentare: SaschaSalamander http://www.saschasalamander.de/ Kommentar-Feed zum Beitrag: Someone new Kommentar von:Sascha Salamander http://www.saschasalamander.de/index.php?use=comment&id=3751#1.1 SPOILER<br /><br />Julian ist transident. Dies wird erst knapp vor Ende preisgegeben, sodass eine entsprechende Erwähnung in der Rezension ein massiver Spoiler wäre. Es gibt viele Lesende, die es bis zur letzten Seite nicht geahnt haben. Wer sich allerdings mit dem Thema befasst oder selbst betroffen ist, weiß es schon sehr früh zu Beginn des Buches. Trotz dieses Vorab-Wissens ist es nicht langweilig zu lesen. Denn die Autorin bindet Julians Vergangenheit, seine gegenwärtigen Probleme und Ängste sehr gut in das Buch ein, sodass sie einen sehr schönen Blick auf die Thematik wirft, die sich über die sonst üblichen Klischees erhebt und Julian so beleuchtet, wie es sein soll: als Mensch mit Hobbies, Interessen, Stärken, Schwächen, einer eigenen Persönlichkeit weit über seine Transidentität hinaus.<br /><br />Viele sagen, die Autorin hätte Julian bereits früher outen müssen. Ich finde es dagegen sehr gelungen, dies erst so spät zu thematisieren. Denn dadurch ist er nicht "der Transmann" sondern "Julian". Die Lesenden lernen ihn kennen, mögen. Vermutlich wird manche*r erst einmal schlucken, sobald Julian sich offenbart, und sich dann die Frage stellen "was würde das für mich als Partner*in bedeuten? Wie würde ich damit umgehen"? Und ich bin sicher: so manche Leserin, die zuvor sagte "Transmann? Schon okay, aber bitte keine Beziehung" wird sich nun selbst hinterfragen und vielleicht eine andere Meinung haben. <br /><br />Die Autorin vermeidet sinnlose Erklärungen. Es wird kurz beschrieben, was Transidentität ist (auf verständliche und umfassende Weise), das war es auch schon. Sie zeigt die Probleme auf, mit denen Julian persönlich und mit der Gesellschaft zu kämpfen hat, aber sie zeigt auch seine Stärken und Vorteile. Julian wird als vollständiger Mensch wahrgenommen und nicht auf seine Vergangenheit oder seine Operationen reduziert. Es wird ein umfassendes Bild von ihm gezeichnet, das sehr sympathisch ist und so manches Leser*innenherz zum Schlagen bringt.<br /><br />Sie hat dabei sehr gut recherchiert und geplottet, um Julian so realistisch als möglich darzustellen. Das Schöne daran ist, dass alle "Hinweise" auf jeden Cis-Mann ebenso zutreffen können und unbedarfte Lesende tatsächlich bis zum Ende keine Ahnung haben. Jeder Mann ist anders, jeder Mann hat andere Fähigkeiten und Interessen. Ich bin sicher, dass bis zum Ende niemand an Julians Männlichkeit zweifelte, und das rechne ich der Autorin sehr hoch an. Mir ist bis dato noch kein Buch untergekommen, in dem ein Transmann so alltäglich und menschlich und liebenswert dargestellt wurde wie hier.<br /><br />Es gibt auch zwei Erotik-Szenen, und beide sind ziemlich heiß. Fanservice pur! Die erste outet ihn nicht, die zweite findet erst nach dem Outing statt. Ich war absolut gespannt, wie die Autorin dies umsetzen würde. Und in beiden Fällen war ich positiv überrascht. Im ersten Fall findet Julian eine tolle Möglichkeit, die zeigt, dass Sex mehr ist als immer nur das übliche Rein-Raus-Spiel (ebenfalls etwas, wofür ich der Autorin nicht genug danken kann). Und im zweiten Fall wird es zwar kurz angesprochen, ist für beide aber kein Problem. Micah zeigt sich zwar unwissend aber aufgeschlossen. Eine Freundin wie Micah wünsche ich jedem TM, der an sich selbst zweifelt und der Angst vor Beziehung oder Nähe hat!<br /><br />Die Farben der Trans*Flagge zieren als Farbverlauf das Cover. Im Gegenzug zur starren Flagge fließen die Farben hier wie Tinte im Wasserglas ineinander, ergeben ein wunderschönes Muster. Auch ohne einen Blick in das Buch zu werfen, dürfte queeren Leser*innen also ziemlich schnell klar sein, welches "Geheimnis" Julian mit sich trägt ;-)<br /><br />Am Ende des Buches folgt ein Nachwort, in dem etwas genauer erkärt wird, was Trans*Identität ist (auch hier: so knapp als möglich, da unnötige Erklärungen alles nur verkomplizieren und einschränken). Ein wunderschönes Plädoyer für Vielfalt und Offenheit und eine Erklärung dazu, dass jeder Mensch für sich individuell ist. Zitat S 521:"Eigentlich ist es ganz einfach: Wer sich als Mann fühlt, ist ein Mann. Wer sich als Frau fühlt, ist eine Frau. Wer sich irgendwo zwischen oder außerhalb des binären Spektrums (Mann/Frau) einordnet, darf sich dort wohlfühlen". Die Vielfalt der Lebensläufe wird aufgezeigt.<br /><br />Eltern werden gebeten, ihr Kind so anzunehmen, wie es ist (ein wichtiges Thema des Buches in vielerlei Hinsicht). Betroffene werden auf Seite 525 ermutigt: "Da der gesamte Weg ein Prozess ist, ist es menschlich und auch richtig und sinnvoll, sich immer wieder selbst zu reflektieren und Entscheidungen auch noch mal zu überdenken und gegebenenfalls zu ändern. Es ist Euer Weg, Euer Leben, und somit sind es Eure Entscheidungen".<br /><br />Für mich war das Buch anfangs eher schwer zu lesen aufgrund der in der Rezension genannten Kritikpunkte. Doch je deutlicher Julians Thema ab der Mitte wurde, desto mehr wurde ich hineingezogen. Ich fühlte mit ihm, fand mich in vielen Punkten wieder. Und ja, ein paarmal hatte ich sogar Tränen in den Augen oder wurde ziemlich wütend, denn es gibt schon ein paar Triggerpunkte, die bei Betroffenen sehr sensible Punkte berühren (Transphobie der Eltern, Deadname, Fremdouting usw). Doch das Schöne daran: selbst bei diesen traurigen Momenten bleibt die Autorin positiv und lässt Julian nicht alleine sondern fängt ihn auf und führt aus, wie ungerecht manche Dinge sind und wie wichtig es ist, dass jemand zu ihm hält. <br /><br />Mag man auch vieles andere an dem Buch kritisieren - ich habe (bisher) noch nie ein Buch gelesen, das einen Transmann so realistisch und positiv dargestellt hat hinsichtlich seines Körpers, seiner Sexualität, seiner Männlichkeit und seinem Empfinden. Hut ab davor, dass Laura Kneidl ein Buch geschrieben hat, wie diesem hoffentlich noch viele folgen werden!<br /><br />Ein einziges Buch möchte ich erwähnen, das mich auf gleiche Weise begeisterte, hier wird jedoch eine Trans*Frau beschrieben, und es ist ein Coming-Of-Age, kein Young Adult Romance. Es handelt sich um LUNA von Julie Ann Peters.<br /><br /><a target="_blank" href="http://www.saschasalamander.de/kommentare/luna....3113/">Hier klicken</a><br /><br />Und zum Abschluss noch ein Zitat auf Seite 487, mit dem alles gesagt ist, was es zu sagen gibt zu diesem Thema:<br /><br />"Ich weiß nicht, ob ich dich bemitleiden oder bewundern soll", sagte ich ehrlich. Julian lächelte schwach: "Nichts von beidem. Akzeptier mich einfach".
Julian ist transident. Dies wird erst knapp vor Ende preisgegeben, sodass eine entsprechende Erwähnung in der Rezension ein massiver Spoiler wäre. Es gibt viele Lesende, die es bis zur letzten Seite nicht geahnt haben. Wer sich allerdings mit dem Thema befasst oder selbst betroffen ist, weiß es schon sehr früh zu Beginn des Buches. Trotz dieses Vorab-Wissens ist es nicht langweilig zu lesen. Denn die Autorin bindet Julians Vergangenheit, seine gegenwärtigen Probleme und Ängste sehr gut in das Buch ein, sodass sie einen sehr schönen Blick auf die Thematik wirft, die sich über die sonst üblichen Klischees erhebt und Julian so beleuchtet, wie es sein soll: als Mensch mit Hobbies, Interessen, Stärken, Schwächen, einer eigenen Persönlichkeit weit über seine Transidentität hinaus.

Viele sagen, die Autorin hätte Julian bereits früher outen müssen. Ich finde es dagegen sehr gelungen, dies erst so spät zu thematisieren. Denn dadurch ist er nicht "der Transmann" sondern "Julian". Die Lesenden lernen ihn kennen, mögen. Vermutlich wird manche*r erst einmal schlucken, sobald Julian sich offenbart, und sich dann die Frage stellen "was würde das für mich als Partner*in bedeuten? Wie würde ich damit umgehen"? Und ich bin sicher: so manche Leserin, die zuvor sagte "Transmann? Schon okay, aber bitte keine Beziehung" wird sich nun selbst hinterfragen und vielleicht eine andere Meinung haben.

Die Autorin vermeidet sinnlose Erklärungen. Es wird kurz beschrieben, was Transidentität ist (auf verständliche und umfassende Weise), das war es auch schon. Sie zeigt die Probleme auf, mit denen Julian persönlich und mit der Gesellschaft zu kämpfen hat, aber sie zeigt auch seine Stärken und Vorteile. Julian wird als vollständiger Mensch wahrgenommen und nicht auf seine Vergangenheit oder seine Operationen reduziert. Es wird ein umfassendes Bild von ihm gezeichnet, das sehr sympathisch ist und so manches Leser*innenherz zum Schlagen bringt.

Sie hat dabei sehr gut recherchiert und geplottet, um Julian so realistisch als möglich darzustellen. Das Schöne daran ist, dass alle "Hinweise" auf jeden Cis-Mann ebenso zutreffen können und unbedarfte Lesende tatsächlich bis zum Ende keine Ahnung haben. Jeder Mann ist anders, jeder Mann hat andere Fähigkeiten und Interessen. Ich bin sicher, dass bis zum Ende niemand an Julians Männlichkeit zweifelte, und das rechne ich der Autorin sehr hoch an. Mir ist bis dato noch kein Buch untergekommen, in dem ein Transmann so alltäglich und menschlich und liebenswert dargestellt wurde wie hier.

Es gibt auch zwei Erotik-Szenen, und beide sind ziemlich heiß. Fanservice pur! Die erste outet ihn nicht, die zweite findet erst nach dem Outing statt. Ich war absolut gespannt, wie die Autorin dies umsetzen würde. Und in beiden Fällen war ich positiv überrascht. Im ersten Fall findet Julian eine tolle Möglichkeit, die zeigt, dass Sex mehr ist als immer nur das übliche Rein-Raus-Spiel (ebenfalls etwas, wofür ich der Autorin nicht genug danken kann). Und im zweiten Fall wird es zwar kurz angesprochen, ist für beide aber kein Problem. Micah zeigt sich zwar unwissend aber aufgeschlossen. Eine Freundin wie Micah wünsche ich jedem TM, der an sich selbst zweifelt und der Angst vor Beziehung oder Nähe hat!

Die Farben der Trans*Flagge zieren als Farbverlauf das Cover. Im Gegenzug zur starren Flagge fließen die Farben hier wie Tinte im Wasserglas ineinander, ergeben ein wunderschönes Muster. Auch ohne einen Blick in das Buch zu werfen, dürfte queeren Leser*innen also ziemlich schnell klar sein, welches "Geheimnis" Julian mit sich trägt ;-)

Am Ende des Buches folgt ein Nachwort, in dem etwas genauer erkärt wird, was Trans*Identität ist (auch hier: so knapp als möglich, da unnötige Erklärungen alles nur verkomplizieren und einschränken). Ein wunderschönes Plädoyer für Vielfalt und Offenheit und eine Erklärung dazu, dass jeder Mensch für sich individuell ist. Zitat S 521:"Eigentlich ist es ganz einfach: Wer sich als Mann fühlt, ist ein Mann. Wer sich als Frau fühlt, ist eine Frau. Wer sich irgendwo zwischen oder außerhalb des binären Spektrums (Mann/Frau) einordnet, darf sich dort wohlfühlen". Die Vielfalt der Lebensläufe wird aufgezeigt.

Eltern werden gebeten, ihr Kind so anzunehmen, wie es ist (ein wichtiges Thema des Buches in vielerlei Hinsicht). Betroffene werden auf Seite 525 ermutigt: "Da der gesamte Weg ein Prozess ist, ist es menschlich und auch richtig und sinnvoll, sich immer wieder selbst zu reflektieren und Entscheidungen auch noch mal zu überdenken und gegebenenfalls zu ändern. Es ist Euer Weg, Euer Leben, und somit sind es Eure Entscheidungen".

Für mich war das Buch anfangs eher schwer zu lesen aufgrund der in der Rezension genannten Kritikpunkte. Doch je deutlicher Julians Thema ab der Mitte wurde, desto mehr wurde ich hineingezogen. Ich fühlte mit ihm, fand mich in vielen Punkten wieder. Und ja, ein paarmal hatte ich sogar Tränen in den Augen oder wurde ziemlich wütend, denn es gibt schon ein paar Triggerpunkte, die bei Betroffenen sehr sensible Punkte berühren (Transphobie der Eltern, Deadname, Fremdouting usw). Doch das Schöne daran: selbst bei diesen traurigen Momenten bleibt die Autorin positiv und lässt Julian nicht alleine sondern fängt ihn auf und führt aus, wie ungerecht manche Dinge sind und wie wichtig es ist, dass jemand zu ihm hält.

Mag man auch vieles andere an dem Buch kritisieren - ich habe (bisher) noch nie ein Buch gelesen, das einen Transmann so realistisch und positiv dargestellt hat hinsichtlich seines Körpers, seiner Sexualität, seiner Männlichkeit und seinem Empfinden. Hut ab davor, dass Laura Kneidl ein Buch geschrieben hat, wie diesem hoffentlich noch viele folgen werden!

Ein einziges Buch möchte ich erwähnen, das mich auf gleiche Weise begeisterte, hier wird jedoch eine Trans*Frau beschrieben, und es ist ein Coming-Of-Age, kein Young Adult Romance. Es handelt sich um LUNA von Julie Ann Peters.

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Und zum Abschluss noch ein Zitat auf Seite 487, mit dem alles gesagt ist, was es zu sagen gibt zu diesem Thema:

"Ich weiß nicht, ob ich dich bemitleiden oder bewundern soll", sagte ich ehrlich. Julian lächelte schwach: "Nichts von beidem. Akzeptier mich einfach".]]>
Sascha Salamander Sascha Salamander 2019--1-1-T22: 1:7:+01:00