SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Die Lügen der Anderen

INHALT

Drei Pärchen lernen sich in Florida am Pool kennen. Sie genießen die gemeinsame Freizeit und beschließen sich auch zu Hause in England zu treffen. Doch kurz vor ihrer Abreise wird ein Mädchen tot aufgefunden, und die Urlaubsgäste geraten unter Beobachtung. Als sie sich nun fernab des Tatorts, zurück in der Heimat, wiedersehen, ist die Stimmung getrübt von Misstrauen. So hübsch die Fassade nach außen aussehen mag, jedes Ehepaar hat seine eigenen Sorgen, Ängste und vor allem Geheimnisse. Gute Mine zum bösen Spiel, dahinter brodelt es. Und dann geschieht ein weiterer Mord ...

GENRE

DIE LÜGEN DER ANDEREN wird vermarktet mit der Aussage "ein abgründiger Thriller, der aufregend anders ist". Über Genres kann man streiten, darauf möchte ich mich hier gar nicht einlassen. Das, was zumindest ich unter Thriller verstehe, wurde hier wenig geboten, dafür umso mehr Einblicke in die Charaktere und die Interaktion untereinander. Der Autor zeichnet ein clever gestricktes Bild von dem, was hinter den scheinbar makellosen Gesichtern steckt. Jeder Leser wird sich oder andere Menschen in diesem Werk wiedererkennen, vielleicht sogar davor erschrecken. Es sind die unscheinbaren Dinge, die den Alltag vergiften, die Zwietracht säen und aus Menschen Monster werden lassen. Bis auf eine Ausnahme keine mordenden, gewalttätigen, aber doch Monster im Alltag, die sich gegenseitig das Leben schwer machen, dem anderen alles neiden und unzufrieden mit sich und der Welt sich am Leid der anderen ergötzen. 

Der Mord ist hier eher ein Mittel zum Zweck, um tiefer in die Charaktere vorzudringen, um ihr Inneres hervorzukitzeln und die Reaktionen zu beobachten. Bezugnehmend auf den Tod des Mädchens seziert der Autor jeden Charakter, bis er offen vor dem Leser liegt.


ERZÄHLWEISE

Billingham erzählt seine Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln: aus dem der Paare, aus dem einzelner Personen, aus dem der Polizei und aus der Ich-Perspektive des Täters. Außerdem springt er in der Zeit zwischen dem Rückblick nach Florida und der Gegenwart in England. 

Trotz der vielen Perspektiv- und Zeitsprünge bleibt die Handlung an sich übersichtlich. Was allerdings gerade im Hörbuch schwerfällt ist, die Unterscheidung der Charaktere. Obwohl es nur sechs Personen sind, habe ich gelegetlich den Überblick verloren und mir gewünscht, ich hätte ein kleines Personenregister mit Notizen für mich erstellt. Denn auch, wenn jede Person ihre eigenen Probleme in sich trägt, sind sie sich doch auf gewisse Weise ähnlich in ihren Intrigen, Nöten, Streitereien und Heimlichkeiten.


AUFBAU, CHARAKTERE

Der Spannungsbogen zieht sich gemütlich bis kurz vor Ende, Billingham lässt sich viel Zeit für die Vorstellung  und Ausarbeitung seiner Figuren. Im Laufe der ersten CD, als ich noch von einem  typischen Thriller ausging, wartete ich ständig darauf, dass es nun anziehen und sich steigern würde, war etwas unzufrieden. Als mir dann klar wurde, dass ich keinen üblichen Thriller erwarten kann und ich mich auf die Protagonisten konzentrieren muss, konnte ich mich auch auf die Geschichte einlassen, ohne immer wieder nach Spannung oder Handlung zu fragen. 

Der "Thrill" liegt in den Spannungen, die sich aus dem Privatleben der Ehepartner ergeben. Kein einziger Charakter ist sympathisch, und das war auch nicht das Ziel des Autors, denn niemand hat hier eine weiße Weste. 

Jeder macht sich verdächtig. Hier wurde ein Alibi erlogen, dort wird impulsiv geschrien, ein anderer hat seiner Frau etwas vorgespielt bezüglich (Spoiler), ein weiterer hat ungewöhnliche Neigungen, jemand anders ist nervlich bereits am Ende, eine von ihnen zeigt deutlich zuviel Interesse an den Mordfällen, und so entrollt sich immer mehr das Netz aus Lügen und Heuchelei. 

Die Auflösung ist ein cleverer Schachzug, der analytischen Lesern recht früh klar sein dürfte. Das Motiv, nun ja, auch das Motiv zeugt von den Abgründen des Täters und der Tragik, die hinter den grausamen Taten verborgen liegt. Dann flink etwas herbeigezaubert, was die Leser zuvor nicht ahnen konnten, aber passend umgesetzt und stimmig zum Rest des Buches.


SPRECHER

Stefan Kaminski ist ein großartiger Sprecher. Mit der Darstellung von lediglich fünf, sechs "normalen" Charakteren wirkt er auf mich fast etwas unterfordert, kann er aufgrund des Inhaltes nicht wie sonst oft überagieren und seine gewohnte One-Man-Show abziehen. Trotzdem macht er seine Sache gewohnt professionell, bereichert das Hörbuch durch seine persönliche Interpretation.


EIGENE MEINUNG

Die Geschichte war insgesamt sehr unterhaltsam und regte gelegentlich an zum Grübeln: Wir alle tragen Masken im Alltag, manchmal aus Täuschung, manchmal aus Angst vor Entblößung unseres wahren Selbst. Dies vermag Billingham sehr schön auszuarbeiten. Da ich auf einen reinen Thriller eingestellt war, empfand ich den Anfang als etwas mühsam, doch dann konnte ich mich darauf einlassen. Trotzdem finde ich, dass das Buch neben den guten Momenten auch etwas langatmigere Passagen hat, etwa wenn die Streitigkeiten der Ehepartner in den Vordergrund rücken. Geschmackssache, aber ich höre einfach nicht gerne anderen beim Streiten zu. Hier war ich leider recht oft dazu gezwungen.

Ich denke, was für manchen die Stärke des Buches ist (die starken Charaktere) ist für den anderen die Schwäche (zu wenig Fokus auf die Handlung um die Charaktere herum). Dafür, dass solche Charakterstudien eigentlich nicht mein Genre sind, hat das Buch mich trotz allem sehr gut unterhalten und beschäftigt, der Autor hat seine Sache also hervorragend gemacht. 


FAZIT

Ein ungewöhnlicher Roman, der mit viel Finesse die Charaktere porträtiert und den Leser kurzweilig unterhält. Kein Buch, mit dem man abends den Alltag ausknipst, um sich angenehm zu gruseln. Eher ein Titel, der unangenehm nachklingt und dem Leser einen Spiegel vorhält. 

SaschaSalamander 06.10.2014, 09.12

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