SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Lilienblut

herrmann_lilien_150_1.jpgDer Titel "Lilienblut" macht neugierig, das Cover sieht wunderhübsch. Und es liegt bei den aktuellen Titeln der Jugendliteratur. Klar, dass ich neugierig wurde. Ich habe mich gar nicht weiter um Inhalt oder Genre gekümmert, sondern mich völlig unbefangen auf das Buch eingelassen. Darüber bin ich sehr froh, und ich habe die Zeit genossen, habe nebenbei gemalt, gearbeitet, einfach nur daglegen und gelauscht.  Die Autorin war mir bis dahin unbekannt, aber ich werde mich nun näher mit ihr beschäftigen (bei Amazon gibt es ein Interview mit ihr sowie den Ausschnitt der Lesung), auch ihre anderen Werke lesen. Hoffentlich schreibt sie bald ein neues Jugendbuch! Es ist eines der wenigen Bücher, die in mir nach dem Lesen ein Gefühl der "Leere" weckten. Das Buch ist gelesen, und ein anderes direkt im Anschluss möchte ich nicht, ich muss jetzt eine Pause machen, dieses Buch sacken lassen. Es hat mich berührt, und ich möchte nicht irgendetwas anderes hinterdrinschieben, solange der süße Geschmack des Rheinweins noch in mir ist ...

Sabrina ist 16 Jahre alt, und an ihrem 16ten Geburtstag schenkt ihre Mutter ihr einen eigenen Weinberg. Doch Sabrina ist wenig begeistert, sie sieht darin nur Arbeit, hat doch sogar ihr Vater die Mutter verlassen, "weil er nicht ahnte, was es heißt, mit einer Winzerin verheiratet zu sein". Sabrina verbringt den Rest des Tages mit ihrer Freundin Amelie in der Eisdiele und am Flussufer, wo ihnen ein geheimnisvoller Fremder auf einem Lastkahn begegnet. Amelie folgt ihm, sie wittert das Abenteuer auf dem Wasser, sie will fort. Und sie kommt niemals wieder. Denn Amelie wird ermordert, und für Sabrina beginnt eine schreckliche Zeit. Niemand will Sabrinas Schilderung der Ereignisse glauben, Tatverdächtig ist der Fremde, und Sabrina kann nichts dagegen tun. Die Polizei kommt in den Ermittlungen nicht voran, und Sabrina versucht auf eigene Weise, Licht in das Dunkel zu bringen. Was hat es mit dem Mord vor sich, der vor acht Jahren an der gleichen Stelle geschah? Warum weigern sich alle, den Lastkahn gesehen zu haben?

"Lilienblut" ist ein wundervoller Roman. Die Autorin trägt das Hörbuch selbst vor, und sie hat eine sehr gut dafür geeignete Stimme, ich könnte mir für dieses Buch keine bessere vorstellen. Normalerweise bin ich definitiv kein Freund von Autorenlesungen, die meisten sind eher eine misslunge Selbstdarstellung, doch dieses hier ist ein absoluter Tipp, und ich hoffe, dass die Autorin auch andere, nicht von ihr geschriebene Bücher vortragen wird. Ich mag ihre Stimme und ihren Stil sehr: ein ruhiger Klang, der die Handlung still und flüssig voranträgt. Wie ein gemütlicher Tag am Fluss, das Wasser plätschwert vorüber, hier und da eine Schnelle, die Vögel fliegen vorüber, die Sonne scheint, ein kühler Wind weht. So fühlt sich das Buch für mich an. Während der Schilderungen sah ich vor mir die Biegungen des Rheins, die Burgen am Ufer, ich sah die Schiffe ziehen, war mit Sabrine und ihrer Freundin auf dem Weinberg zwischen den Rebstöcken, und ich vermisste diese Gegend, die ich früher oft besuchte. Ich kenne die Region, und ich fühlte mich ein bisschen wehmütig beim Hören ...

es ist kein actiongeladener Krimi für Jugendliche, wie er heute oft vermarktet wird. auch kein Fantasyschinken. Sondern ein sanfter, stiller Roman ums Erwachsenwerden, um die erste Liebe, um ein tragisches Schicksal und ein mutiges Mädchen. Sie ist hier und da unvernünftig, wenn sie Informationen möchte, doch sie ist keine Superheldin wie die modernen Superteenager Alex Rider oder andere Spionagekids. Sondern sie ist ein ganz normales Mädchen, das sich von der Mutter unverstanden fühlt, ohne Superkräfte auskommen muss, Freundinnen hat und sich mit den Mädchencliquen der Schule herumägern muss. Keine wirkliche Antiheldin, auch keine Heldin. Einfach ein  normales Mädchen. So normal, dass sich jeder mit ihr auf gewisse Weise identifizieren kann. Auch ihre Freundinnen sind sehr sympathisch und menschlich. Amelie, das Glamour-Girl mit ihren Wünschen von Zukunft und Fernweh. Lukas, der schüchterne Junge, der so gerne ihr Freund sein möchte. Beate, die kaum Freundinnen hat und sich immer öfter mit Sabrina treffen möchte. Der geheimnisvolle Kilian, der ein schweres Geheimnis mit sich trägt.

Ich mag es, wie Sabrina "ermittelt", oder genauer gesagt nachfragt, mit Menschen redet. Spannende Momente gibt es, in denen der Leser / Hörer gebannt innehält und kaum zu atmen wagt, aber keinesfalls Verfolgungsjagden oder grausame Gewaltschilderungen. Als Sabrina die Wohnung des ehemaligen Hafenarbeiters aufsucht, erwartete ich das Schlimmste, ebenso als sie das Schiff betrat und den verschlossenen Raum öffnete. Doch ich bin überglücklich, dass die Autorin auch hier den Leser mit dem üblichen Spektakel verschont. Es gelingt ihr hervorragend, Spannung auch ohne Gewalt und Blut zu erzeugen.

Jugendliche werden sich perfekt in Sabrina einfühlen können, ihre Wege nachvollziehen können. Erwachsene würden vielleicht manchmal gerne eingreifen. Doch wie im wahren Leben, Jugendliche sind keine Erwachsenen, und Jugendliche müssen ihren eigenen Weg gehen. Der erwachsene Leser begleitet Sabrina und fühlt sich erinnert, wie es damals war, als man selbst einmal die altersbedingten Entwicklungen erleben musste.

In allem schwingt ein Hauch von Melancholie mit. Auch, wenn die Jahreszeiten im Buch wechseln, habe ich das Gefühl, als spielte alles im Herbst. Ein Hauch Vergänglichkeit, als Sabrina bereits in ihren jungen Jahren mit etwas so Tragischem wie dem Mord an ihrer besten Freundin konfrontiert wird. Wehmut, als sie nicht so recht weiß, wie sie Lukas begegnen soll und ob sie möchte, was er von ihr will. Unsicherheit, als Beate sie anspricht und ihre Nähe sucht. Zweifel, ob die Zukunft im Weinberg das ist, was sie sich wünscht. Probleme mit den hohen Ansprüchen ihrer Mutter. Und doch eine wunderbare Geschichte ums Erwachsenwerden. Mit einem Ausgang, der mich nicht sonderlich überraschte, der aber für manchen Leser eine interessante Wende sein dürfte.

Die Sprache ist sehr einfach, und passend zum Wasser wieder der Vergleich "sie fließt dahin". Keine Schnörkel, aber auch nicht zu knapp. Einfach perfekt, um darin einzutauchen und sich treiben zu lassen. Ich mag den Stil der Autorin, die präzise und ohne Umstände das Wesentliche beschreibt, ohne Eile, aber doch geradlinig und zielstrebig.

Ein Krimi, perfekt für Jugendliche in der Pubertät. Und ein Roman, wie Erwachsene ihn verschlingen, wenn sie genug haben von Gewalt, Brutalität, Verfolgung, Verschwörung, Tragik, Blut und Misshandlung. Ein Roman für Erwachsene, die sich Zeit nehmen für das Wesentliche, statt sofort zum nächsten Thrill zu hetzen.

Ein Buch, wie es mehrere geben müsste ...

SaschaSalamander 31.05.2010, 21.47

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Rita

Ach wie toll! Lieben Dank :buch:

vom 04.06.2010, 16.44
Antwort von SaschaSalamander:

 


 






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