SaschaSalamander

Ausgewählter Beitrag

Mein Leben als Zucchini

Klappentext: Zucchini - so lautet der Spitzname eines kleinen, neunjährigen Jungen, der nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter mit einem neuen Leben konfrontiert wird. Der fürsorgliche Polizist Raymond bringt ihn ins Heim zu Madame Papineau, wo er fortan mit anderen Kindern aufwächst. Das Zusammenleben ist nicht immer einfach, denn auch Simon, Béatrice, Alice und Jujube haben bereits viel erlebt.




Ein ungewöhnlicher Stop-Motion-Film, der mich sehr bewegt hat. Erinnert stellenweise ein wenig an >MAX UND MARY<, ebenfalls Stop Motion, Drama, traurige Kindheit und ähnlich tragische Themen mehr. Thematisch ist ZUCCHINI stellenweise beinahe noch düsterer, optisch gleicht der Film dies jedoch durch hellere, buntere Bilder wieder aus. Die heftigen Augenringe, unproportionalen Arme und Köpfe, markanten Nasen lassen es dagegen wieder skurill und gewöhnungsbedürftig aussehen. Ein Film, der sich in vielen Punkten inhaltlich und optisch widerspricht und dadurch die Zerrissenheit der Charaktere wie auch des Inhalts spiegelt.

Die Charaktere sowie ihre Dynamik untereinander machen für mich einen großen Reiz des Films aus. Anders als ich erwartet hatte, sind die Erwachsenen hier nicht die Bösen (gut, es gibt schlimme Erwachsene, zB die Eltern oder Verwandten der untergebrachten Kinder). Sondern der Polizist, der Zucchini ins Heim brachte und regelmässig besucht, auch die Mitarbeiter im Heim, die Lehrer sind sympathische Figuren, die sich auf die Schicksale der Kinder einlassen und ihnen eine soweit als möglich dennoch schöne Kindheit ermöglichen wollen. Sie zeigen Verständnis, drücken auch mal ein Auge zu und gehen sensibel auf die Kinder ein.

Die Kinder selbst sind gebeutelte Charaktere: ein Mädchen erlebte Missbrauch, die Mutter eines Kindes wurde abgeschoben, der Vater eines Jungen sitzt im Gefängnis, in einem anderen Fall sogar ein erweiterter Suizid vor den Augen der Tochter. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Kinder mit ihren eigenen Problemen kämpfen: Bettnässen, Autismus, Essstörungen, Suizdgedanken, Ängstlichkeit und vieles mehr. Eine bunte kleine Truppe, die sich immer wieder neu zusammenraufen muss (teils sogar wörtlich), wenn jemand neu zu ihnen kommt. Und natürlich geht es unter den Jungs ständig nur um das Eine - Ahnung hat keiner, aber große Töne spucken geht immer ;-)

Vieles im Film ist symbolisch gehalten, zB brütende Vogeleltern auf dem Baum vor Zucchinis Fenster, deren Familienkonstellation sich im Laufe des Films passend zur Handlung entwickelt, oder die Wettertafel passend zur Laune der Kinder und andere Kleinigkeiten.

Die Animationen sind nicht hübsch, das war im Film nicht so gedacht. Aber sie sind detailliert und vor allem passend. Kleine Gesten, etwa ein Augenrollen, das Heben der Bettdecke bei einem schweren Seufzer, eine wegwerfende Handbewegung, die Macher haben viel Wert auf die Feinheiten der Körpersprache gelegt, sodass alles lebendig und realistisch wirkt.

Das Ende ist vielleicht etwas weichgespült, aber es tut gut, vermittelt Hoffnung, der Zuschauer verdrückt ein paar Freudentränchen. Das war nach all der Bitterkeit und Düsternis in diesem Film aber auch in Ordnung und dringend nötig. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Film eigentlich ohne Altersfreigabe ist. Ob Kinder allerdings etwas damit anfangen können, vermag ich nicht zu sagen, der Inhalt geht wohl deutlich zu weit ... Albträume werden die Figuren wohl nicht verursachen, aber einfach nur konsumieren ohne den Inhalt zu verstehen halte ich für wenig sinnvoll.

Was mir auch gefällt: heutzutage werden Filme und Bücher oft unnötig aufgebläht. Hier wurde langsam und ruhig erzählt, trotzdem dauert der Film nur knapp eine Stunde. Alles wurde gesagt, was nötig ist, der Film hat eine Tiefe, eine Entwicklung, gut ausgearbeitete Charaktere und alles, was es für einen gelungenen Filmabend braucht. Schön, wenn Autoren auch mal auf den Punkt kommen können.

MEIN LEBEN ALS ZUCCHINI ist also ein durch und durch sehenswerter Film. Melancholisch und tragisch, zugleich aber voller Leben, Hoffnung und Freude. Erzähltempo, Spannungsbogen, Animation, Charaktere, alles ist in sich stimmig und perfekt getimed. Ich kann diesen Film jedem ans Herz legen, der abseits des zigsten aktuellen Action- und Superhelden Mainstream einmal etwas ganz Besonderes sehen möchte.

SaschaSalamander 13.12.2019, 12.10

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