SaschaSalamander

Ausgewählter Beitrag

Lebendig Vorlesen

Jetzt möchte ich mir endlich die Zeit nehmen, von dem Seminar "Lebendig Vorlesen II" zu erzählen. Es ist schon knapp drei Wochen her, aber mir noch immer sehr gut im Gedächtnis, ebenso auch der erste Teil des Seminares, welchen ich vor etwa zweieinhalb Jahren besuchte ...

Geleitet wurde das Seminar von Frau >Gudrun Wiedemann<, die sehr sympathisch und kompetent auftrat und die Gruppe hervorragend anleitete. Sie ist gelernte Bibliothekarin, Schauspielerin, Rezitatorin und Vorleserin, das heißt, wenn jemand so ein Seminar leiten kann, dann sie. Die Verbindung von Büchern, Pädagogik, lebendigem Vortrag, damit konnte sie alle Fragen der Teilnehmer beantworten und hilfreiche Tipps bieten.

Im ersten Teil ging es vor allem darum, wie man einen Vortrag beginnen kann, wie man sich vorbereitet, wie man seine Stimme einsetzen kann beim Vorlesen und wie man eine Vorlesestunde gestaltet. Die Fortsetzung des Seminares drehte sich besonders um die Frage, wie man einzelnen Charakteren eines Buches besonderes Leben verleihen kann. Bevor ich jetzt allerdings zu durcheinander vom ersten und zweiten Seminar schreibe, beschränke ich mich auf den zweiten Part und merke lediglich an, dass der erste ähnlich im Ablauf stattfand ...

Erst einmal stellte sich jeder der Teilnehmer kurz vor. Wann hatten wir das erste Seminar besucht, was ist unsere Motivation zum Vorlesen, wer sind wir. Es war eine nette, lockere Truppe, in der ich mich sehr wohlfühlte. Allerdings war die Hauptmotivation der meisten, dass sie im Kindergarten vorlesen oder selbst Mutter einiger Kinder im Vorlesealter sind, sodass ich mir mit dem Wunsch "ich möchte gerne Erwachsene mit meinen Vorträgen unterhalten" leider weitgehend alleine stand. Eine weitere Motivation von mir war es auch, herauszufinden, für welche Genre ich stimmlich und im Vortrag geeignet sein könnte, denn Märchen haben natürlich andere Voraussetzungen als Horror, Erotik oder literarische Klassiker.

Dann zeigte sie uns einzelne Übungen zur Lockerung des Körpers, der Atmung. Verkrampft und nach Luft hechelnd ist es nicht möglich, entspannt vorzulesen, und so ist dieser Teil eine wichtige Vorbereitung. Danach saßen wir im Stuhlkreis, und Frau Wiedemann spielte einen Ausschnitt aus "Zwerg Nase" vor, gesprochen von Samuel Weiss und untermalt mit passender Musik. Ich höre die Vorträge dieses Verlages sehr gerne, und auch Samuel Weiss Stimme gefällt mir sehr, er beherrscht die Fähigkeit, ohne besondere Kapriolen (ich denke da nur an das Genie Rufus Beck, was hat der nur für Stimmbänder?!?) verschiedene Figuren zum Leben zu erwecken und den Zuhörer zu fesseln. Ein längst bekanntes Kindermärchen, doch wir Erwachsenen lauschten gebannt, sahen die tattrige Alte auf dem Markt regelrecht vor uns!

Und darum sollte es dann gehen: wie kann man, ohne besonders viel Dialekt oder Verstellen der Stimme anzuwenden, auch Dialoge gut darstellen, wie werden Monster, Killer, Kinder, Tiere, Personen lebendig?

Mittagspause, ein netter Plausch hier und da unter einzelnen Teilnehmern, ein Tässchen Kaffee, danach ging es weiter. Vor dem Seminar wurde uns mitgeteilt (die Teilnehmer des ersten Kurses erhielten einen Brief mit der Einladung), dass wir gerne einen Text vorbereiten könnten, den wir vortragen und anhand dessen uns Frau Wiedemann dann Tipps und Verbesserungsvorschläge gibt. Einige hatten etwas vorbereitet, andere kamen ohne spezielle Texte. Ich muss gestehen, dass ich mich kurz vor knapp angemeldet hatte und daher am Vortag verzweifelt versuchte aus zehn oder mehr Büchern einen Text zu finden, der mir besonders geeignet schien. Die emotionale Stelle, an der Hildegund von Mythenmetz das perfekte Script liest? Ein satirischer Beitrag von Kishon? Die chinesischen Briefe, welche mir schon immer schwerfielen? Meine eigene Geschichte, die ich fast auswendig kenne? Oder lieber die Wächter der Nacht, wo ich mich so richtig in meinem Element fühle? Ich entschied mich dann für Walter Moers. Doch im Laufe des Seminares meinte Frau Wiedemann, sie könne sich das Krimigenre bei mir sehr gut vorstellen. Und sie hatte für unvorbereitete Leute verschiedene Texte von Andersen, Dahl und King dabei. Naja, dachte ich, warum nicht statt dessen spontan King probieren? Bei Krimis, Thrillern, Horror fühle ich mich stimmlich auch irgendwie am wohlsten, auch, wenn der Inhalt manchmal nicht so ganz mein Ding ist (aber Kerzel, DER Sprecher in Hörbüchern und -filmen (Synchro Jack Nicholson) mag ja auch keinen Horror, also was solls *hihi*).

So trug dann jeder von uns einen Text vor. Es war nicht leicht. Soviele Zuhörer, ausnahmsweise keine Kinder, in meinem Fall kein steriles Mikro am PC. Und dann all die Tipps, die wir natürlich umsetzen wollten. Sich etwas zurücknehmen, Pausen beachten, Stimme am Ende des Satzes nicht nach oben ziehen, nicht zu laut oder leise, Atmung passend kontrollieren, nicht zu schnell oder langsam lesen ... puh, ganz schön anstrengend! Nach jedem Vortrag konnten die anderen Teilnehmer ihre Gedanken dazu äußern, Fragen stellen oder Tipps geben, und dann die fachmännische Meinung von Frau Wiedemann. Sehr direkt und offen, das gefiel mir. Sie ist sehr kritisch, spricht Fehler auch an, ist nicht nur der Form halber nett und fertig die Leute mit "gut gemacht" ab, sondern kitztelte bei jedem noch ein wenig mehr heraus. Klasse, wie sie das schaffte!

Der Vormittag mit den Übungen und Diskussionen war sehr bereichernd. Aber der aktive Part nach der Pause war für jeden von uns wohl die wichtigste Erfahrung an diesem Tag, denn sowohl aus den Vorträgen der anderen wie auch aus dem eigenen Vorlesen konnten wir sehr viel herausnehmen für uns selbst. Wir hoffen alle, dass es eines Tages vielleicht einen dritten Teil geben wird, in dem wir noch ein wenig weiter an unserer Technik feilen und Tipps aus erster Hand von Frau Wiedemann bekommen können ;-)

Und hier ein Tipp von mir: Frau Wiedemann hält diese Seminare nicht nur in Nürnberg. Auf ihrer >Homepage< kann man sich genauer informieren, vielleicht ist ja auch in Eurer Nähe einmal die Möglichkeit, mit Ihr zu arbeiten? Wie es mit anderen Vorträgen aussieht, weiß ich nicht, in diesem Fall jedoch kostete die Teilnahme lediglich 10 Euro, quasi geschenkt. Also - falls Ihr gerne vorlest und diese Möglichkeit auch habt - nutzt sie!

SaschaSalamander 03.07.2007, 10.51

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