SaschaSalamander
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Bandersnatch

Neben EINE REIHE BETRÜBLICHER EREIGNISSE war die dystopische Serie BLACK MIRROR der Grund, warum ich mir Netflix abonniert hatte. BANDERSNATCH gehört zu dieser Reihe und legt noch mal eine ordentliche Schippe obendrauf: denn der Film ist interaktiv!


Inhalt: Stefan ist ein jugendlicher Programmierer. Für eine Firma programmiert er ein interaktives Spiel namens "Bandersnatch", das auf einem gleichnamigen Buch basiert. Immer tiefer taucht er in das Spiel, Realität und Spiel und Wahnvorstellung beginnen sich zu mischen. Mehr kann man nicht erzählen, da sein Weg vom Zuschauer vorgegeben wird. Nur soviel kann ich sagen: Wahnvorstellungen, ein Mord, einige Todesfälle, eine groß angelegte Verschwörung, Drogenexzesse, die Bewältigung eines Kindheitsdtraumas, eine Schaffenskrise, einige Therapiegespräche, die tragische Vorgeschichte des Autoren der Buchvorlage und einige anderen Themen verweben sich zu einem großen Ganzen und erzählen eine packende Story.

Wobei: jede Geschichte für sich ist nicht allzu lang und recht flott erzählt. So spannend obige Themen klingen, bleiben sie dennoch an der Oberfläche und bieten eher wenig Tiefgang. Aber BANDERSNATCH ist auch kein abendfüllender Film mit komplexer Story, sondern ein geniales Event, ein Filmexperiment. Noch dazu in tollem Retrodesign der 80er Jahre. Aaaaah, ich fühlte mich in meine Kindheit versetzt, als die ersten Pixelspiele auf dem Markt waren und ich DIE INSEL DER TAUSEND GEFAHREN gelesen habe ;-)

Und wie bei einem Computerspiel habe ich diesen Film nicht durchgesehen, sondern mir Notizen gemacht, mir eine Map ausgedruckt, währenddessen einen Guide angelegt und soweit als möglich alles durchgespielt. Wie schon damals die Bücher: ich wollte einfach soviel als möglich auskosten und möglichst viele Varianten durchspielen. Und das Tolle an BANDERSNATCH: die Macher wissen das und haben entsprechend einige veränderten Dialoge eingebaut, wenn man eine Szene mehrfach spielt. Und indem man bestimmte Abläufe mehrfach durchzappt, schaltet man neue Wege frei. Also tatsächlich wie im Game.

Zu Beginn sind die Entscheidungen eher banal: Was soll Stefan zum Frühstück essen? Welche Musik soll er hören? Mit der Zeit werden die Entscheidungen wichtiger. Trotzdem: alles wirkt sich auf die spätere Handlung aus. So wird zB später im Hintergrund des Filmes Werbung laufen, die auf den gewählten Frühstücksflocken basiert. Oder die gewählte Musik entscheidet den späteren Soundtrack des Films.

Es ist nicht möglich, wie in einem regulären Film vor oder zurück zu spulen. Man kann lediglich zurück zur letzten Entscheidung gehen. Wenn man in eine Sackgasse gerät oder die Story endet, darf man an einen früheren Punkt zurückkehren und eine andere Entscheidung treffen. Dennoch speichert der Film vorausgegangene Entscheidungen (etwa ob man eine bestimmte Person getroffen hat oder nicht), sodass alles stimmig bleibt.

Man sollte den Film wirklich nur ansehen, wenn man viel Zeit mitbringt. Außerdem rate ich dazu, nicht nebenbei zu sehen und alle Störfaktoren auszuschließen, ganz bewusst am Sofa zu sitzen, die Fernbedienung stets in der Hand. Denn sobald eine Entscheidung ansteht, hat man nur wenige Sekunden Zeit, sonst entscheidet der Film selbst.

Was mir in diesem Film gefiel, waren die vielen Selbstreferenzen. So sinniert Stefan mit einem anderen Programmierer darüber, dass alle Wahlmöglichkeiten im Leben nur vorgegaukelt sind. So wie Pacman stirbt und immer wieder auftaucht, so würde auch der Mensch sterben und immer wieder neu auferstehen. Wenn man eine Szene zum zigsten Mal durchspielt und die Frage auftaucht, warum Stefan nicht xy getan hätte, antwortet jemand "naja, es gibt viele Möglichkeiten, er muss sie einfach alle ausprobieren". Immer wieder hat Stefan Angst vor Kontrollverlust und davor, dass sein Leben fremdbestimmt ist. Wenn er am Computer sitzt, erfährt er tatsächlich vom interaktiven Film auf Netflix, dessen Teil er ist. Es ist sehr gelungen, wie diese Selbstreferenzen zugleich ein Teil seiner Wahnvorstellung werden und die Grenze zwischen Zuschauer, Story und Protagonist eingerissen wird. Der Zuschauer wird niemals gezielt angesprochen, weiß aber stets, dass er gemeint ist. Klasse!

Es ist möglich, auch ohne Neustart fast alle Varianten durchzutesten. Laut einigen Maps und Infos soll das nicht funktionieren. Ich habe die Anleitungen, Walkthroughs usw verglichen und denke, dass ich bis auf wenige Kleinigkeiten fast alles erledigt habe. Vier Stunden habe ich dafür gebraucht, und es hat mächtig Spaß gemacht!  

Man kann auch die Fernbedienung beiseite legen und abwarten, wie die Story sich dann entwickelt. 

Außerdem gibt es im Netz eine Website passend zum Film (die man eigentlich via Easteregg findet, wenn man ein bestimmtes Ende erreicht und dann den Audiocode mit Emulator bearbeitet. Aber dank der Leute, die das getan haben, kann man den Link nun einfach im Netz finden). Es gibt dort zusätzliche Info über die fiktiven Games und Programmierer. Und wenn man sich hier durchwühlt, findet man tatsächlich ein paar Gimmicks, die manches im Film zusätzlich erklären sowie nette Anspielungen auf andere Teile der BLACK MIRROR Reihe beinhalten. Die Macher haben sich wirklich eine Menge einfallen lassen, es hat riesigen Spaß gemacht!

Empfehlung? Aber sowas von! Auf Dauer möchte ich keine interaktiven Filme, da zocke ich dann lieber Games. Aber als Besonderheit zwischendurch einfach nur genial! Mit BANDERSNATCH hat Netflix sich selbst übertroffen, und ich hoffe auf weitere Titel dieser Art.

SaschaSalamander 20.02.2019, 09.51

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