SaschaSalamander

Ausgewählter Beitrag

Beastars

An der Cherryton Highschool leben Fleisch- und Pflanzenfresser friedlich zusammen, verbringen ihren gemeinsamen Schulalltag. Das Leben ist geordnet durch einige strenge Regeln, an die sich alle zu halten haben, und alles läuft gut. Doch eines Tages wird das Alpaka Tem getötet, und der Friede gerät ins Wanken. Sein Freund Legoshi, ein schüchterner Wolf, leidet unter den Anschuldigungen und kämpft zwischen seinen sanften Gefühlen, seiner wilden Natur und der Frage nach seiner Identität.




VORAB

Was für ein wunderschöner Ausnahme-Titel unter den Neuveröffentlichungen! Furry-Anteile (anthropomorphe Tiergestalten) sind nicht neu. Das gab es schon bei Aesop, das gab es bei WILLY FOG, man kennt BUGS BUNNY, die MUPPETS sowieso, Filme wie ZOOTOPIA oder DER FANTASTISCHE MR FOX. Auch bei den Mangas gibt es immer wieder Gestaltwandler oder komplette Tierwesen. Trotzdem ist dieser hier insofern eine Ausnahme, als es nicht der Verniedlichung dient oder Fantasy-Anteil darstellt, sondern eher eine moderne Fabel erzählt wird.


GENRE

Es hat natürlich auch Elemente klassischer High-School-Stories mit all ihren Intrigen, Romanzen, Schulabenteuern. Der Inhalt ist recht ernst, gleich zu Beginn geschieht ein Mord, es gibt zwischen den Zeilen viele Fragen rund um das menschliche Zusammenleben, es steckt also auch sehr viel Sozialkritik darin. Für mich aber ist BEASTARS klar ein Coming-of-Age um den Protagonisten Legoshi.

Er kämpft mit seinen verschiedenen Rollen, die ihm von der Gesellschaft vorgegeben werden (körperlich bedingt wie auch aufgrund seines Charakters) und die teils im Widerspruch zu seinem eigenen Empfinden stehen. Als er dann auch noch unerwartet als potenter Rüde behandelt wird und sich seiner eigenen erwachsenden Lust stellen muss, wird er immer unruhiger. Wer ist er, und was bedeutet das für ihn und seine Umwelt?

Itagaki selbst beschreibst ihr Werk als "menschliches Drama in Form einer Tiergeschichte", was es ebenfalls recht gut trifft.


CHERRYTON HIGH

Die Cherryton High School ist eine interessante Kulisse für diese Geschichte. Dass Pflanzen- und Fleischfresser friedlich zusammenleben funktioniert nur durch viele straffe Regeln. Diese bestehen aber nicht nur in Einschränkungen, sondern vor allem darin, dass allen Tieren ein gerechtes Umfeld geboten werden muss, damit sie zufrieden sein können.

Teilweise gibt es überall kleine Hinweise über die Regeln und Anweisungen zu entdecken. Mal in Form von mahnenden Postern an der Schulwand (so wie man in London überall Poster hat, etwa in der U-Bahn Mahnungen wie "watch your step" oder "give your seat to those who need it"), mal in Form von Notizzetteln, Aushänge am Schwarzen Brett oder kleine Memos irgendwo verteilt. Um ganz in die Geschichte einzutauchen, ist es also nötig, die Zeichnungen zu betrachten, kleine Extras zu entdecken (was aufgrund winziger Schriftgröße nicht immer leicht ist) und alle Bilder sehr genau zu betrachten.

Teilweise geschieht die Beschreibung dieser Welt auch durch kleine Zwischenhandlungen, etwa wenn sich die Tiere für eine Stunde am Tag in ihre natürlichen Habitate begeben: es gibt zwar immer wieder Einteilung in Fleisch- und Pflanzenfresser, aber dies ist nicht der dominante Part der Geschichte (erst durch den Mord rückt es wieder in den Fokus). So gibt es zB auch gelegentlich Einteilung in groß und klein (so ist das riesige pflanzenfressende Nashorn verpflichtet, Rücksicht auf den wesentlich kleineren Fleischfresser zu nehmen) oder eben eine Einteilung in die natürlichen Habitate wie Savanne, Kältekammer, Wald usw, wo sich zB Löwen, Antilopen und Giraffen gemeinsam versammeln, um in ihrer natürlichen Umgebung Stress abzubauen und Kraft zu tanken. Die Zimmereinteilung dagegen geschieht nach Gattungen, etwa Hundeartige, Katzenartige und Co. Vor allem in der Theater-AG werden die einzelnen Tiere bunt durcheinander gewürfelt, so spielt ein Hirsch zum Beispiel die Hauptrolle eines Adlers.

Ich liebe die kleinen "Geschichten in der Geschichte". So schlägt ein Charakter etwas zu Bruch - und später im Manga hängt nebenbei ein kleiner Aushang am Schwarzen Brett, dass man dies reparieren möge und ob jemand den Täter gesehen habe. Auf diese Weise erhalten Handlungen ein zusätzliches Gewicht, gewinnen kleine Szenen an Bedeutung.

Immer wieder passiert es, dass Tiere im Umgang mit ihren Freunden aus anderen Zimmern / Habitaten / Gattungen sich an falsche Orte begeben oder für kurze Zeit ihre eigene Natur vergessen. Ein sehr schönes Beispiel dafür, wie auch in der menschlichen Gesellschaft die vorgegebenen Kategorien (Hautfarbe, Nationalität, Sprache, Geburtsort, Wohnort, Körpergröße, Geschlecht, Haarfarbe usw) immer wieder zu Konflikten führen und Menschen einschränken statt man sich einfach als "Mensch" verbunden fühlen sollte.


ZEICHNUNGEN

Der Hintergrund ist in Rasterfolie gehalten, die Panel sind bis auf wenige Ausnahmen klasisch angeordnet.

Die Zeichnungen selbst wirken skizzenhaft, stellenweise unfertig. Dieser Stil, dem man in Mangas häufiger begegnet, gefällt mir sehr und hat seinen ganz eigenen Reiz. Denn es gelingt den Zeichnern dabei, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und mit wenigen Strichen den Charakter einer Figur einzufangen.

Ich finde, Itagaki fängt Emotionen und Gedanken eines Charakters teils sogar besser ein als mancher Zeichner bei seinen menschlichen Figuren. Nicht nur Augen und Mund dienen der Gestik, sondern die komplette Körperhaltung fließt in die Bewegung ein. Es ist faszinierend, wie ausdrucksstark die einzelnen Figuren mit ihren wenigen Strichen auftreten und welche Präsenz sie ausstrahlen.

Besonders liebe ich die einzelnen Bilder zu Beginn eines Kapitels, kleine Schwarz-Weiß-Skizzen, die einfach nur einen der Protagonisten in einer alltäglichen Situation oder einer bestimmten Pose zeigen. Ich könnte endlos in dem Manga blättern, immer wieder die Bilder betrachten und ganz in den Zeichnungen versinken.


ATMOSPHÄRE / SPANNUNGSBOGEN

Der gesamte Manga wirkt aufgrund des Protagonisten sehr nachdenklich, melancholisch, gelegentlich etwas düster. Oft auch traurig. Nichts, was man lesen sollte, wenn man niedergeschlagen ist und etwas Aufheiterung braucht. Trotzdem: ein paar niedliche Szenen oder witzige Dialoge lockern die Geschichte immer wieder auf, bevor es völlig im Trübsinn versinkt.

"Trübsinnig" klingt sehr langweilig, zäh. Ist es aber nicht. Die Handlung beginnt mit dem Mord an Alpaka Tem, und sofort beginnt das wuselige Treiben an der Highschool, die Gerüchteküche brodelt. Die Geschichte geht sehr zügig voran, in den einzelnen Bildern steckt sehr viel Inhalt, die Dialoge tun ihr Übriges. BEASTARS ist ein ziemlicher Pageturner, den zu lesen trotz der schlichten Bilder aufgrund der komplexen Darstellung eine gewisse Zeit erfordert.


EIGENE MEINUNG

Die ersten beiden Bände haben mich absolut begeistert. Mal etwas anderes zwischen all den Yaoi, Action, Magical Girls und Fantasy, die gerade den Markt überschwemmen. Obwohl ich sonst weniger auf die Zeichnungen achte bei anderen Titeln, haben diese hier mich sehr berührt. Der Manga hat bisher 15 Bände (Stand Oktober 2019), ist aber noch nicht abgeschlossen. Und ich kann mir durchaus vorstellen, dass er das Potential hat, über all diese lange Zeit tatsächlich diese Qualität zu halten, denn die Geschichte bietet sehr viele Möglichkeiten der Entwicklung. Ich kann es kaum erwarten!


FAZIT

Anspruchsvoller Inhalt, aussagekräftige Zeichnungen, vielschichtige Charaktere und eine ruhig erzählte aber dennoch packende Story bilden eine faszinierende Einheit - BEASTARS ist ein Manga, den ich unbedingt empfehle!

SaschaSalamander 22.11.2019, 09.43

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