SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Changers 01 - Drew

Ethan ist ein normaler Teenager. Doch als er eines Tages erwacht, ist er plötzlich ein Mädchen: Drew Staifer. Seine Eltern erklären ihr, dass sie ein Changer ist, dass sie ab jetzt viermal die äußere Person ändern wird, um sich dann später auf eine dieser Identitäten festzulegen. Ethan muss nun den alten Freundeskreis und die bisherigen Erfahrungen hinter sich lassen und als Drew noch einmal ganz von vorne anfangen. Mit dem Wissen, dass sie nächstes Jahr wieder jemand anders sein wird. Und dann sind da noch all die Regeln, Gesetze und Gebote, die ihr von den Changers auferlegt werden. Ganz schön kompliziert ...


Hmtja. Schwer. Oder, anders gesagt: großartige Idee, aber eine eher mäßige Umsetzung. Ich lese ja sehr gerne Jugendliteratur, hier allerdings habe ich ab der Hälfte nur noch quergelesen.

Das Thema selbst ist nicht neu. Bodyswitch und Genderbender gibt es immer wieder, ob im Anime / Manga, im Film oder in Büchern für Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Mal ernst, mal witzig, mal oberflächlich, mal tiefgreifend. Ein ganz ähnliches Jugendbuch war zum Beispiel EMMABOY TOMGIRL, in welchem zwei Teenager durch einen Fluch ihre Körper tauschen und den Alltag im gegensätzlichen Geschlecht erleben. 

Die Thematik an sich wird in CHANGERS bisher eher oberflächlich behandelt. Was definiert einen Jungen, was ein Mädchen, worin unterscheiden sie sich körperlich und sozial. Eben das Übliche, es gibt die typische Toilettenszene, die erste Monatsblutung, das gemeinsame Lästern mit den Freundinnen. Natürlich erfährt Drew auch, dass sie als Mädchen ständig in der Kritik bezüglich ihres Äußeren steht, was bei Ethan anders war. Wie gesagt: das Übliche, wenig tiefgreifend, die Autoren wollen auf der Welle mitreiten, haben sich aber wenig mit Genderthemen befasst. Aber immerhin ganz nett für Jugendliche zu lesen. Dass die Autoren hier nicht tiefer gehen, ist gar nicht einmal sosehr der Kritikpunkt, dafür ist es einfach das falsche Genre, zähle ich das Buch schließlich zur reinen Unterhaltung. 

Trotzdem - das Gender-Thema wird hier sehr klischeebeladen angegangen. Ethan fährt Skateboard, und Drew stellt sich natürlich ziemlich schlecht damit an. Auch die Noten in Mathe werden schlechter, dafür hat sie eine Eins in Englisch. Und im Cheerleading entpuppt sie sich als Naturtalent. Ich hoffe sehr, dass die_der Protagonist_in sich im Laufe des Buches entwickelt und lernt, "out of the box" zu denken. Denn eigentlich soll genau DAS der Sinn eines Changers sein, wie Drew am ersten Tag von ihrem Vater erfährt. Changers sind Menschen, die geschlechterübergreifend denken und die Grenzen überwinden sollen, die sich in andere hineinversetzen sollen. Also, bitte, ohne cheerleadende Mädels, die schlecht in Mathe sind, das wäre doch schon ein erster Fortschritt ;-)

Schade allerdings ist, dass der Handlungsaufbau nur sehr langsam vonstatten geht. Drew, die mittels eines Chips im Kopf Tagebuch schreiben muss, plappert ziemlich viel, erzählt Nebensächlichkeiten (hier war es, wo ich irgendwann ab dem ersten Drittel anfing nur noch querzulesen). Teenie-Schmonz, Tussentalk, allgemeine Gedanken, welche die Story wenig vorantreiben, die Charaktere aber auch nicht wirklich tiefer erscheinen lassen lassen. Durch diese Szenen soll wohl der Wandel vom Jungen zum Mädchen beschrieben werden, dafür hätten aber einige kürzere, dafür intensivere Schlüsselmomente genügt. 

Drew als Charakter ist mir zu einseitig. Viel zu schnell nimmt sie_er die Dinge als gegeben hin, kämpft zu wenig. Sie hasst es, sich dem Druck der Kleidung zu unterwerfen, findet Mädelsklamotten hässlich und unbequem, aber schon am zweiten Tag trägt sie Jeggins, einfach um nicht mehr blöd von den Mitschülern angegafft zu werden (obwohl sie auch sofort Bewunderer auf ihrer Seite hat und nicht einmal alleine steht). Das Skateboard ist plötzlich weg, ihr größtes Hobby, ihre große Leidenschaft - ach, macht nichts, ein Mädchen fährt eh nicht Skateboard, und nachdem sie einmal gestürzt ist, macht es keinen Spaß mehr. Cheerleading ist doof, aber was soll man als Mädel sonst schon machen, immerhin, sie kann es sich ja mal ansehen, oooooh, es ist toll. Die Gebote der Changers ärgern sie, aber statt sie zu hinterfragen, statt offen mit ihrem Vater zu reden und sich bewusst mit ihrem zukünftigen Leben auseinanderzusetzen, folgt sie brav wie ein Schäfchen allem, was ihr vorgebetet wird - bwohl die Struktur der CHANGERS sektenartig wirkt und bei jedem Leser ein schales Gefühl hervorrufen dürfte. Das hat mich enttäuscht, für eine Hauptfigur ist mir dieses ferngesteuerte Herden-Verhalten deutlich zu schwach. Ein großartiger Held muss nicht sein, aber ein bisschen mehr eigene Persönlichkeit wäre nett gewesen.

Auch ist es schwierig, dass das Buch eher ein "Slice of Life" von aneinandergereihten Alltagssituationen darstellt und sich weniger auf einen stringenten Handlungsfaden mit Spannungsaufbau stützt. Man kann also nicht wirklich sagen "da passiert etwas", sondern "es läuft so vor sich hin". Es werden vier Bände, daher ist es gut möglich, dass sich aus einigen der Andeutungen später noch wesentlich intensivere Handlungsstränge entwickeln mögen. Allerdings ist das erste Buch der Einstieg, da bräuchte es schon ein paar ordentliche Catcher, um den Leser in seinen Bann zu ziehen. 

Der Schreibstil ist in Ich-Form gehalten, spiegelt die digitalen Tagebuchaufzeichnungen Drews wieder. Die Sprache ist jugendlich, lässig, sehr flüssig, manchmal flapsig, auf jeden Fall gut zu lesen. Da sie das Tagebuch führen muss, um ihre Lernerfolge zu verzeichnen, hätte ich mir gewünscht, dass sie gelegentlich auch aus ihrem Erlebten lernt und Schlüsse zieht. 

Insgesamt ein einfach zu lesendes Buch, das bisher wenig Eindruck bei mir hinterlassen hat. Die Thematik an sich ist jedoch sehr interessant, und ich habe die Hoffnung, dass der Charakter sich in den folgenden Bänden weiter entwickeln und das Thema an Fahrt aufnehmen wird. Bisher allerdings habe ich den Eindruck, dass die Autoren einen großen Plan, eine tolle Idee hatten, sich damit allerdings doch etwas übernommen haben ... 

ich werde mir nicht sofort den nächsten Band hole, sondern erst einmal abwarten, was da noch kommt ... 

NACHTRAG: Und weil ich oben EMMABOY - TOMGIRL erwähne: jenem Buch liegt eine andere Thematik zugrunde (zwei Personen tauschen Körper), das Thema ist jedoch das gleiche. Nämlich ein Mensch, der plötzlich im anderen Geschlecht den Alltag bestreiten muss. Ich empfand beide Bücher als sehr ähnlich. Beide in lässigem Jugendstil. Während EMMABOY TOMGIRL in den dargestellten Problemen noch oberflächlicher ist und noch aufgesetzter wirkt, hat es dafür eine stringente Handlung mit klarem Ziel (wieder zurück in den eigenen Körper), sodass der Spannungsaufbau für ein gewisses Tempo sorgt. Aber in beiden Fällen kann ich sagen: wem CHANGERS gefiel, gefiel auch EMMABOY TOMGIRL und umgekehrt ;-)

SaschaSalamander 16.09.2015, 08.51

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