SaschaSalamander

Ausgewählter Beitrag

Die Arbeit des Kritikers - Hinter den Kulissen

WARUM DIESER BEITRAG

Diesen Beitrag schreibe ich, um auch ein wenig mit dem Vorurteil aufzuräumen, dass Rezensionsexemplare nichts anderes bedeuten als Gratislesen. Gerade jetzt, wo die Bücherblogs wie Pilze aus dem Boden sprießen, werden auch die Kritiker immer mehr. Es gibt sehr viele Perlen unter diesen neuen Blogs. Aber es gibt auch sehr viele schwarze Schafe. Leser, die Rezensionsexemplare anfordern und die Bücher ungelesen wieder bei Ebay verhökern, nachdem sie den Klappentext und ein "tolles Buch, muss man kaufen" oder "taugt nicht, ich mag das Genre eh nicht" bei Amazon getippt haben (habe ich tatsächlich so erlebt).

Ich habe keinen Grund mich zu rechtfertigen, denn ich fühle mich bei den Beschimpfungen, die man oft liest, in keinster Weise angesprochen. Aber ich sehe dennoch, dass die Arbeit des Kritikers ziemlich nebulös scheint. Welche Arbeit steckt hinter den geschriebenen Zeilen? Oder: wie kann Lesen überhaupt Arbeit sein?

Dieser Beitrag soll also zeigen, welche Arbeit hinter einer ausführlichen Rezension steckt. Er soll angehende Rezensenten motivieren, ihre Arbeit ernst zu nehmen und mehr zu schreiben als nur eine Lesermeinung. Und er soll Lesern meiner Kritiken zeigen, was "hinter den Kulissen" passiert :-)


LESERMEINUNG

Landläufig spricht man von einer "Rezension" oder eine "Kritik", wenn jemand seine Meinung über ein Buch schreibt. Für mich selbst unterscheide ich allerdings sehr wohl zwischen einer Lesermeinung, Kundenmeinung oder einer Rezension / Kritik. Im Blog habe ich nur die Rubrik "Rezension", trotzdem befinden sich dort sowohl  Lesermeinungen wie auch ausführliche Rezensionen. Allzu knappe Lesermeinungen kommen in die Rubrik "Aktuelles".

Wenn ich ein Buch privat lese, entscheide ich meist recht früh, ob es eine Lesermeinung oder eine Rezension wird. Für eine Lesermeinung lese ich einfach gemütlich, lasse mich unterhalten, und am Ende fasse ich meine Gedanken in Worte. Zeitaufwand: Lesegenuss und anschließend je nach Länge des Beitrages 5 bis 20 Minuten Schreiben. Keinerlei Aufwand, unsortierte Gedanken fließen vom Hirn in die Tastatur. Einem Verlag oder Autor würde ich diese Lesermeinung keinesfalls als Rezension in die Hand drücken, da wesentliche Elemente einer ausführlichen Kritik fehlen. Für den Leser bietet es dennoch einen groben Überblick, und ich bin meine Gedanken losgeworden, kann mich nun befreit dem nächsten Medium widmen.


KRITIK / REZENSION

Wenn ich das Buch lese und von Beginn an merke, dass da sehr viele Gedanken in mir hochkommen, dann hole ich sofort den Notizzettel. Manchmal tippe ich nach dem Lesen dann einfach meine Notizen und Gedanken, das ist dann die etwas ausführlichere Lesermeinung. Und manchmal entscheide ich mich auch für eine Rezension / Kritik, auch ohne Kontakt zu Verlag oder Autor, sondern weil ich das Bedürfnis danach habe mich intensiver mit dem Titel auseinanderzusetzen.

Wenn ich aber ein Rezensionsexemplar erhalte, gehe ich mit einem für mich anderen Anspruch an das Werk heran. Ich denke, jeder Kritiker hat seinen eigenen Stil, sein eigenes Vorgehen, daher kann ich nicht für andere sprechen. Aber ich möchte einfach einmal beschreiben, wie es aussieht, wenn ich vorhabe, ein Buch ausführlich zu bewerten.

Es ist auch klar, dass die Arbeit an einem Hörbuch anders verläuft als an einem Roman, für einen Jugendroman anders als für eine Biographie, ein Fachbuch oder einen Manga. Was ich hier also schildere, ist eine Verallgemeinerung, die sich nicht auf jeden Titel übertragen lässt aber doch einen guten Überblick bietet über all das, was hinter einer ausführlichen Rezension steckt.


NUR EIN HOBBY

Rezensieren ist für mich nicht nur ein Hobby. Es ist eine Leidenschaft. Ich liebe es, das Buch auseinanderzunehmen, zu zerpflücken und schon während des Lesens auf die Details zu achten. Und ich merke, dass diese Einstellung mich nicht nur beim Lesen begleitet, sondern auch im Alltag. Wenn ich einen Film sehe, wenn ich einen Werbetrailer laufen sehe, wenn ich einen Zeitungsartikel lese, immer habe ich im Hinterkopf "mit welchen Mitteln arbeiten die, wie wollen die ihr Ziel erreichen, warum tun die das, wie kommt das bei den Leuten an". Und selbst, wenn ich nicht rezensiere, habe ich ständig eine Checkliste im Kopf. Ich bin einfach verdammt neugierig, und schon in der Schule bin ich den Lehrern mit meinen abertausend Fragen auf den Keks gegangen ;-)

(Und ich möchte betonen: es ist ein HOBBY. Kein Studium liegt zugrunde, und mir ist klar, dass ich noch eine Menge falsch mache, dass mein Vorgehen das eines Laien ist. Trotzdem bemühe ich mich um korrektes Arbeiten, auch wenn ich viel falsch mache und "echte" Kritiker vermutlich nur das Gesicht verziehen ob meiner Texte. Egal, mir bereitet es Freude  zu schreiben, und ich bin stets um Vorankommen bemüht)


VOR DEM LESEN

Vor dem Lesen informiere ich mich über den Autor, dessen bisheriges Werk, über das Genre, den Verlag und andere Rahmenbedingungen. Dies mag nicht unbedingt in die Rezension einfließen, ist mir jedoch wichtig für das Verständnis des Titels. Um ein Buch zu rezensieren, möchte ich den Kontext verstehen, in dem es geschrieben wurde. Denn ein Buch steht niemals alleine, es ist das Ergebnis eines gesellschaftlichen und literarischen Kontexts.


WÄHREND DES LESENS

Wenn ich ein Rezensionsexemplar lese, habe ich immer Stift und Zettel parat, egal ob unterwegs in der Straßenbahn, in der Mittagspause auf Arbeit, zu Hause am Schreibtisch oder abends im Bett. Je nachdem, was das Buch für mich an Gedanken abwirft, mache ich mir Notizen, manchmal nur alle 10 bis 20 Seiten, manchmal fast auf jeder Seite. Ich notiere Zitate, halte meine Gedanken während des Lesens fest. Markiere mir Seitenzahlen, die ich später eventuell brauchen könnte. Während des Lesens und Notierens stelle ich mir die Frage, was das Buch erreichen möchte, welchem Zweck es dient, welche Zielgruppe es anspricht und ob dies gelungen ist. Ich lese das Buch nicht nur aus Genuss (was natürlich trotzdem ein angenehmer Nebeneffekt ist, aber nicht immer ist das möglich), sondern ich lese es auf einer Metaebene und hinterfrage den Satzbau, die Kapiteleinteilung, die Erzählstruktur, die Wortwahl, die Charakterentwicklung und was mir in diesem Moment alles als erachtenswert erscheint.

Das Lesen kann unter Umständen auf diese Weise dreimal so lange dauern wie beim normalen Lesegenuss, weil ich zwischendurch etwas im Web recherchiere, weil ich zurückblättere und eine Szene nochmals lese, weil ich Notizen mache, weil ich pausiere und wirken lasse.


DIE MEINUNG ENTSTEHT

Bevor ich die Rezension beginne, sortiere ich als erstes meine Notizen. Sonst besteht die Gefahr, dass ich zwei oder drei Tage später gar nicht mehr weiß, was diese Stichpunkte bedeuten. Ich schreibe all diese Gedankenfetzen lesbar am Computer untereinander. Danach sortiere ich sie thematisch, z.B. für die Inhaltsangabe, die Charakterbeschreibung, den Aufbau, den Sprachstil. An diesem Punkt entscheidet sich, welche Merkmale des Buches ich hervorheben möchte und was ich in der Rezension alles beschreiben werde, auf welche Elemente ich mich konzentriere.

Nicht in allen Fällen, aber wenn es für das Thema des Buches sinnvoll ist (gerade bei Sachbüchern, Biographien oder auch Romanen um bestimmte wissenschaftliche, religiöse oder andere brisante Themen), recherchiere ich dann im Internet. Wie haben andere Autoren dieses Thema aufgegriffen? Gab es das Thema schon einmal? Wo endet die Realität und beginnt die Fiktion? Falls das Thema es nicht hergibt, lasse ich diesen Punkt auch komplett aus. Falls das Thema dies jedoch ermöglicht und ich tiefer in das Buch eintauchen möchte, kann dies mehrere Stunden beanspruchen.

Wie ein Autor nicht alle recherchierten Elemente in seinem Buch unterbringen kann und viele wertvollen Informationen den Leser niemals erreichen, so geht es auch dem Rezensenten. Der Leser erhält die Essenz der Arbeit, obwohl es sicher noch sehr viel mehr zu erzählen gäbe. Zu trennen, was nun an die Öffentlichkeit soll und was ich zurückbehalte, ist nicht immer leicht, allzu gerne würde man all seine Ergebnisse präsentieren.


FEINARBEIT

Meine Meinung über das Buch ist also gefällt, ich weiß was ich loben, was ich kritisieren möchte. Danach lese ich mir gerne einige Rezensionen anderer Kritiker durch, deren Meinung ich schätze. Was haben sie hervorgehoben, was haben sie kritisiert? Meine Meinung wird dadurch nicht mehr beeinflusst, allerdings kann es sein, dass ich auf einzelne Punkte anderer Rezensenten eingehe: wenn ich ein Buch gelungen fand und sehe, dass viele es für etwas kritisieren, das ich im Gegenteil sogar gut fand, gehe ich auf diesen Punkt verstärkt ein, um meine Darstellung dadurch zu untermauern.

Es kommt in der Tat auch manchmal vor, dass das, was ich aus dem Buch erarbeitet habe, meiner persönlichen Meinung widerspricht. Es hat mir nicht gefallen, hat mich nicht angesprochen, dennoch ist es handwerklich hervorragend umgesetzt, vermittelt eine klare und gute Botschaft. Dann wäre es unfair, das Buch abzuwerten. Ich schildere meine Eindrücke also sachlich, ohne meine persönlichen Gedanken einzubringen, lobe die Umsetzung. Wenn mir das Buch gefiel, obwohl es deutliche Schwächen hat, wird es eine eher persönliche Rezension, in der ich meine Eindrücke schildere und begründe, warum einzelne Kritikpunkte für mich nicht weiter ins Gewicht fallen. Optimal ist, wenn meine Meinung und meine Wertung übereinstimmen, dann wird die Rezension sehr emotional, und ich hoffe meine Begeisterung auf den Leser zu übertragen.

Es gibt Ausnahmefälle, in denen es zu Problemen kommt. Dann halte ich Rücksprache mit dem Verlag oder dem Autor. So ist es möglich, dass ich feststelle "nö, überhaupt nicht meine Welt, will ich nicht schreiben". Oder ich entdecke sehr viele Kritikpunkte an dem Buch. Bevor ich es zerreiße, möchte ich den Grund für diese Mängel verstehen und frage nach, oft lag es an einem Missverständnis meinerseits oder an der Unkenntnis der Umstände des Buches (was trotz der Vorabrecherche immer wieder passieren kann). Manchmal lässt sich die Unstimmigkeit nicht beheben, dann wird es eben eine negative Rezension, das ist in Ordnung und gerecht. Zum Glück fällt diese Situation eher selten an, aber wenn, dann ist es manchmal zeitaufwändig und konfliktreich. Dazu kommt, dass es leicht ist, ein Buch einfach mal so zu zerreißen. Wenn man aber in persönlichem Kontakt mit dem Autor steht, sagt man es ihm quasi ins Gesicht - das ist nicht mehr so leicht, das erfordert Selbstbewusstsein, aber auch Fingerspitzengefühl und Kommunikation. Nix mit Anonymität des Internet ;-)


REZENSION

Die Notizen sind nun in Reinform, die Recherche ist abgeschlossen, die Meinung steht. Das Schreiben selbst ist dann nicht mehr allzu viel Arbeit und ist schnell erledigt, ich muss nur noch die Stichpunkte zu verständlichen Sätzen zusammenfassen. Zugegeben, da ich alleine arbeite, fehlt mir oft das Lektorat, eigenen Texten gegenüber ist man blind, und so schleichen sich doch gelegentlich Tippfehler, fehlende Worte oder verdrehte Sätze in meine Rezensionen ein. In manchen Fällen habe ich in Webportalen oder in Communities einen Lektor zur Seite, wofür ich sehr dankbar bin.


NACHARBEIT

Nach dem Schreiben geht es weiter: Die Rezension muss online gestellt werden. Je nachdem, was mit dem Verlag oder Autor vereinbart wurde, entweder nur in meinem Blog oder aber auch auf verschiedenen Plattformen, allen voran natürlich der große Onlinehändler (was ich nicht toll finde, was aber leider die Nr 1 in Sachen Verkauf und Werbung ist). Eventuell muss der Text auch in einem Forum, einem Portal, einer Community eingestellt werden, wo eine spezielle Zielgruppe angesprochen werden soll. Je nachdem, wie die entsprechende Seite aufgebaut ist, kann dies mehr oder weniger aufwändig sein, manchmal ist es lediglich Copy and Paste, manchmal eine umständliche Fitzelarbeit.

Der Verlag und / oder der Autor sollen weiterhin informiert werden, wann und wo die Rezension erscheinen wird. Und wenn ich das letzte Mail an meine Kontaktpersonen gesendet habe, dann kann ich mich zurücklehnen und endlich sagen "geschafft".


ZUM ABSCHLUSS

Wenn es so viel Arbeit macht - und wenn ich außer dem Rezensionsexemplar (und wenn ich privat rezensiere, nicht einmal das) nichts dafür erhalte - warum mache ich mir diesen Aufwand? Ganz einfach: ich halte wenig davon, ein Buch einfach nur zu konsumieren. Dann könnte ich mich ebensogut vor den Fernseher setzen, mein Hirn abschalten und eine Sendung nach der anderen reinpfeifen. Wenn ich lese, dann will ich damit etwas erreichen: Ich liebe Bücher. Aber ich liebe es auch, mich mit deren Inhalten zu befassen. Ich will sie nicht nur konsumieren, sondern ich will sie erleben, erfahren, erspüren, analysieren, verstehen, begreifen, vergleichen, will hinter die Worte blicken.

Ja, es ist ein Hobby. Ja, ich liebe diese Arbeit und gehe darin auf. Dennoch ist es Arbeit. Es mag viele schwarze Schafe geben, und der Ruf des Kritikers war noch niemals besonders angesehen (wie sagte schon Goethe: "Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent!"). Aber vielleicht konnte ich hier wenigstens einmal zeigen, dass es neben schwarzen Schafen, bösartigen Giftmischern und unfairen Neidern auch Kritiker gibt, die auch Arbeit in das Endergebnis investieren ...

SaschaSalamander 30.06.2012, 07.51

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