SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Die Stadt und das Mädchen

Klappentext: Als die vierzehnjährige Megumi eines Tages nach der Schule nicht nach Haus kommt, wendet sich ihre allein erziehende Mutter an Shiga, den besten Freund und Bergkameraden ihres verstorbenen Mannes. Shiga verlässt sofort seine Hütte im Hochgebirge und fährt nach Tokio, um das Mädchen im Dschungel der Großstadt zu suchen.




AUTOR

Viel gäbe es zu erzählen, Jiro Taniguchi ist unter den Mangaka einer der ganz Großen. Aber bevor ich einfach wiedergebe, was man an zig anderen Plätzen schon lesen kann, verweise ich einfach mal nach >Wikipedia<.


THEMA / GENRE

DIE STADT UND DAS MÄDCHEN erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich auf die Suche macht. Erst einmal nach der Tochter seines verstorbenen Freundes, aber auch nach sich selbst. Er stellt sich den körperlichen wie auch inneren Herausforderungen, welche die unüberwindbare Großstadt an ihn stellt. Er wird konfrontiert mit seinen Gefühlen für die Witwe des verstorbenen Freundes, erfährt wahre Freundschaft von seinen Kameraden und muss abwägen, was ihm wirklich wichtig ist.

Innige Freundschaft, die tiefe Bedeutung eines Versprechens auf Kosten der eigenen Gefühle, Rückzug als Flucht und Chance zur Selbstverwirklichung, die Faszination des Bergsteigens, die grausame Unerbittlichkeit der Natur, der Sieg des Geistes über den Körper, das Erreichen unmöglicher Ziele, all diesen Themen muss Shiga sich sellten. Dagegen steht die laute, undurchdringliche Großstadt, in der Mädchen ihrem Elternhaus entfliehen, auf der Suche nach einem erfüllten Leben. Doch die Stadt verschluckt ihre Opfer, und Shiga muss tief graben, begegnet Drogen, Gewalt, Kriminalität sowohl auf den Hinterhöfen als auch in Gestalt ehrbarer Geschäftsmänner.

Das Gegenüberstellen so vieler Themen macht unter anderem den Reiz dieses Mangas aus, der sich nur schwer in ein Genre stecken lässt. Es verbindet Elemente des Krimis mit denen des Dramas und schickt Shiga auf seine ganz eigene Heldenreise, in der all diese widersprüchlichen Elemente geschickt miteinander verwoben werden.


CHARAS, ZEICHNUNGEN

Obwohl - wie bei Taniguchi üblich - der Fokus auf den Bildern statt Dialogen liegt, sind die Figuren hervorragend ausgearbeitet. Sie sind so greifbar, so menschlich in all ihren Sorgen, ihren Stärken, Schwächen, in ihren Wünschen und Verhaltensweisen. Selbst kleine Nebenrollen wie etwa der Vater des Verstorbenen oder der Konzernsprecher bekommen in wenigen Panels einen eigenen Charakter. Auch ohne Worte wird klar, wieviel in der japanischen Kultur unter der Oberfläche brodelt. Es genügen dem Autor winzige Blicke, Gesten, ja sogar Schweigen, um das Unausgesprochene sichtbar zu machen und die Verwicklungen aufzuzeigen, in denen ein Mensch sich befindet.

Taniguchi zeichnet nicht wie viele Mangaka kindliche Gesichter und große Augen, er verliert sich nicht in den Details. Seine Menschen wirken inmitten der Betonwände und Felsmassive klein und unbedeutend. Abgesehen von den Bildern, welche die Großstadt und die Natur darstellen, verzichtet er dagegen fast komplett auf Hintergründe, sodass die Figuren zu voller Geltung kommen. Muskeln, Sehnen, die Ausrichtung der Pupille, Alltagskleidung, Bartstoppeln, Mimik: In nur wenigen filigranen Strichen fängt er das Wesen einer Person ein.

Obwohl der Manga sehr westlich anmutet (das ist wohl auch den frankobelgischen Einflüssen geschuldet, die bei Taniguchi immer wieder anklingen), bekommt man als europäischer Leser einen sehr guten Einblick in die japanische Denkweise. Die Art des Erzählflusses, der Umgang der Personen miteinander, all die Verstrickungen aus Schuld, Ehre, Verrat, unterdrückten Gefühlen lassen ein lebendiges Bild entstehen.


ERZÄHLWEISE, ZEICHNUNGEN

Taniguchi lässt sich Zeit zu erzählen. Die ganzseitige bunte Zeichnung einer blühenden Bergwiese, dann eine farbige Doppelseite des Protagonisten vor einer prächtigen Landschaft, dann ein dreiteiliges Bild von der Wiese mit Blick hinauf in den Himmel und erst dann sieht man das erste Mal Menschen beim Aufstieg auf die Berghütte.

Selbst im scheinbar banalen Smalltalk erfährt der Leser mehr über die Hintergründe und lernt Shiga bereits sehr gut kennen. Erst nach und nach kommt dann die Stadt ins Blickfeld: während der Zugfahrt sieht man sie aus der Ferne, sie kommt näher, und plötzlich ist er mittendrin zwischen Hochhäusern, Leuchtreklame, hetzenden Menschen, blinkenden Lichtern, dichten Autoreihen und dem Lärm der Großstadt. Und dazwischen immer wieder Rückblicke zu den früheren Bergtouren, Natur in ihrer tödlichen Schönheit.

Es bedarf keiner Worte, diesen Kulturschock zu beschreiben. Wie verloren der junge Mann sich fühlt, drückt sich zum Beispiel in seiner Kleidung aus: Shiga mit seinem kantigen, männlichen Gesicht (perfekt gezeichnete Schatten auf den Bildern unterstreichen seine markanten Zügen), der in einem schicken Anzug steckt. Auf den ersten Blick ein Bild von einem Mann. Doch bei genauem Betrachten: die Krawatte leicht schief, der Stoff wirft zuviele Falten, die Hose etwas zu weit, die Ärmel wie ein Konfirmand im Smoking des Vaters.


EIGENE MEINUNG

Ein herausragender Manga! Trotz nur weniger Dialoge dauerte das Lesen sehr lange (nicht nur wegen der 336 großformatigen Seiten). Ich konnte mich wunderbar in den Bildern verlieren, und die Geschichte hat mich vom ersten Moment an gefesselt. Es ist faszinierend, wie der Autor so viel Inhalt transportieren kann. Shigas Geschichte wird mich noch ziemlich lange begleiten, und ganz sicher werde ich das Werk bald ein zweites Mal lesen.

SaschaSalamander 14.05.2018, 08.49

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