SaschaSalamander

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Fausto

dierssen_fausto_1.JPGIch würde jetzt gerne sagen, in welchen Blogs ich von FAUSTO erfahren hatte, aber leider weiß ich das nicht mehr, es ist schon ein wenig her. Jedenfalls kam das Buch danach direkt auf meine Wunschliste, und kurz darauf hielt der pelzige Bücherdämon bei mir Einzug.

Joseph "Joschel" Fittich ist ein normaler Teenager. Er hat fiese Pickel in den unpassendsten Momenten, seine Mutter hat Hobbies wie Lachyoga und kocht bevorzugt Getreidekost, ihre Lebensgefährten geben sich die Klinke in die Hand, sein Vater lässt sich sowieso nie blicken, und der aktuelle Typ von Joschels Mutter spielt sich als neuer Vater auf. In der Schule läuft es auch nicht besser, denn sein Lehrer hat ihn auf dem Kieker, und außerdem ist da noch die süße Canan.

Doch dann findet Joschel zufällig den kleinen Bücherdämon Fausto unter seinem Bett, und Bücherdämonen ernähren sich bevorzugt von fehlerhaften Texten. Da ist er bei unserem jungen Freund gerade richtig! Aber wie der Leser ahnt, hat alles zwei Seiten, und der anfängliche Erfolg in der Schule sowie bei Canan bringt so einige Probleme mit sich. Es ist nicht leicht, als hochbegabt zu gelten!

FAUSTO hat mich ziemlich begeistert. Ich mag den rotzig-frechen Schreibstil. Vor allem sind es keine plumpen Witze, über die man dröge grinsen muss, sondern es ist vielmehr ein cleverer Humor, der sich teilweise auch über mehrere Seiten erstreckt. So wird etwa eine Handlung, ein Geruch, ein Gedanke erwähnt und eine Seite später oder weiter hinten wieder aufgegriffen. Leider ist es nicht möglich, ein Beispiel zu nennen (es würde lange Erklärungen aus dem Zusammenhang erfordern) oder ein Zitat zu bringen (da sich das Verständnis aus dem Kontext von einer oder mehr Seiten ergibt), zu gerne hätte ich Euch an ein paar besonders witzigen Momenten teilhaben lassen. Auch der Running Gag mit Charly, Joschels altem Hamster, gefällt bis zum Schluss.

Der gesamte Stil ist klasse, auch die Beschreibungen und Metaphern sind originell und lustig, ebenso die pointierten Beobachtungen. Menschen werden überspitzt charakerisiert, und man meint sie regelrecht vor sich zu sehen. Hier kann ich dann Beispiele nennen:

"Frau Doktor Rohrbach antwortete nicht, sondern schob sich mit der Zungenspitze das Gebiss zurecht. Als es wieder saß, schenkte sie uns ein Lächeln aus trüber Keramik". (S. 48)

"Hannes Antwort bestand aus einem gezielten yogischen Luftstrahl. Wenn Atemübungen töten könnten, säße meine Mutter längst im Knast". (S. 50)

Die Ideen des Autors finde ich originell und unterhaltsam. Ich meine, wer kommt schon auf die Idee, einen glückskeksabhängigen Bücherdämon zu erschaffen, der vier Augen hat, in einer alten Blumenvase lebt und ins deutsche übersetzte Gebrauchsanweisungen liebt? Auch wie sich die Geschichte entwickelt, gefällt mir sehr. Man freut sich bereits auf die nächste Seite, weil man ahnt, was als nächstes Peinliches passieren wird. Es ist eines der Bücher, bei denen man die Hand vor den Mund hält und hofft, es möge anders kommen als geplant. Aber Dierssen ist unerbittlich, er lässt Joschel an keinem Fettnäpfchen vorübergehen, und wo immer Unordnung und Chaos winken, ist er mittendrin. Er würde ja gerne ein normales Leben führen. Aber mit Hanne als Mutter, JE als Pseudo-Vater, Kattmann als Deutschlehrer, Dörting als Erzgegner und Fausto als höchsteigenem Dämon kann ja nichts klappen! Politisch korrekt ist das Buch ganz sicher nicht in seinem jugendlichen Slang, aber das wäre ja auch langweilig ;-)

Ich denke, ein kleiner Überblick über einzelne Kapitel beschreibt das Buch recht gut:
- Tod durch Hirsekolben
- Die Macht ist schwach in mir
- Schimmel ist schweigsam
- Die Wahrheit ist ein Arschloch

Und auch der Dämonenkodex spricht für sich (und das Buch). Hier ein Auszug:
- Ein Dämon, der ein Lied gesungen,
  wird über dem Abort ausgewrungen.
- Hat der Bücherdämon einen Rechtschreibfehler übersehen,
  entfernt er sich selbstständig ein oder mehrere Zehen.
- Wenn der Dämon sich verplappert,
  wird ihm der Kodex an die Knie getackert.

Ein einziges Manko hatte das Buch für mich: die Handlung ist flüssig erzählt, trotzdem hätte ich es gut gefunden, wenn Dierssen sie etwas gerafft hätte. Denn die Idee ist großartig, erschöpft sich jedoch nach einiger Zeit. Sollte es eine Fortsetzung geben, weiß ich nicht, ob ich sie lesen werde. Es wäre schade, mich wie Fausto an den Glückskeksen daran zu "überfressen". Allerdings ist das meine persönliche Meinung, und ich bin sicher, Jugendliche werden (zu Recht) nicht genug von Joschel und Fausto kriegen.

FAUSTO ist eines der wenigen Bücher, die ich sogar Lesemuffeln empfehle. Man leidet, lacht, fiebert und bangt mit dem Helden und seinem pelzigen Freund und kann es nicht erwarten endlich umzublättern. Joschel und seinen Dämon darf man nicht verpassen!

SaschaSalamander 03.06.2011, 10.00

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