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Ausgewählter Beitrag

Hochsensible Männer

VORAB

Als mir ein Freund von dem Buch HOCHSENSIBLE MÄNNER - MIT FEINGEFÜHL ZUR EIGENEN STÄRKE erzählte, war ich sofort neugierig. Ein kurzer Blick - und schon beim Überblättern fand ich so viele spannenden Gedanken, dass ich es am liebsten sofort in einem Rutsch gelesen hätte. Schon vor dem Lesen sprangen mir so viele Gedanken entgegen, dass allein das für eine eigene Rezension gereicht hätte. Schon in meiner Jugend hätte ich mir ein solches Buch gewünscht, und hier war es endlich! Ein Kapitel versprach spannender zu werden als das andere. Und jetzt genug der persönlichen Vorrede, auf zum sachlichen Teil ;-)


KLAPPENTEXT

Das Phänomen Hochsensibilität geht mit tiefer Informationsverarbeitung, einer Tendenz zur Überstimulation, hoher Emotionalität und sensorischer Empfindlichkeit einher. Der hochsensible Mann ist zusätzlich noch mit dem gängigen Rollenklischee konfrontiert.
Immer wieder erleben Psychotherapeuten wie Tom Falkenstein, wie diese besonders tiefsinnigen Klienten unter ihrer angeborenen Temperamenteigenschaft leiden. Sie schämen sich für ihre Empfindsamkeit. In seinem Buch beleuchtet der Autor alle Aspekte der Hochsensibilität aus Sicht des Mannes: Merkmale, Angrenzung zu psychiatrischen Diagnosen – und vor allem: den selbstfürsorglichen Umgang mit der eigenen Sensibilität. Zahlreiche Übungen sowie Interviews mit hochsensiblen Männern, die gut mit ihrer Disposition leben, zeigen auf: Das Ziel ist nicht, weniger sensibel zu sein, sondern seine Stärken schätzen und einsetzen zu lernen.




AUFBAU

Das Buch ist in einen theoretischen und praktischen Teil gegliedert. Die Mischung aus sachlichen Fakten und praktischen Übungen ist sehr gut ausbalanciert, beides wurde weder unnötig aufgebläht noch zu schnell abgehandelt. Es gelingt Falkenstein, präzise, sachlich und zielorientiert alles zu besprechen und dabei weder zu langweilen noch zu überfordern. 

     TEIL 1 

Zu Beginn werden theoretische Ansätze der Psychologie und Medizin vorgestellt. Die Frage "wann ist ein Mann ein Mann" kann nicht beantwortet werden, zu unterschiedlich sind die Vorstellungen hierüber. Statt dessen geht Falkenstein auf den historischen Wandel des Männerbildes ein. So gab es zum Beispiel Zeiten, in denen Feinfühligkeit, Nervosität, Sensibilität ein erstrebenswertes Ideal des Mannes waren. Das moderne Bild ist erneut im Wandel begriffen, es ist die Rede von der "Krise des Mannes", auf diese Entwicklung wirft das Buch einen genaueren Blick.

Das Thema "Emanzipation des Mannes" wird auch behandelt: Ein Mann soll Kämpfer sein, Erfolg haben, Versorger sein. Doch wie und wofür kämpft er, wen und wodurch versorgt er, und wie definiert man heutzutage Erfolg? Sein Ansatz liefert sehr schöne Denkansätze, er fordert nicht, er kritisiert nicht, sondern er beobachtet, beschreibt, zeigt Möglichkeiten. Er hält ein großes Plädoyer für die Akzeptanz für unterschiedliche Lebensentwürfe und schildert, wie Menschen mit unterschiedlichen Temperamenteigenschaften sich gegenseitig bereichern können. 

Abseits des Männerbildes geht er auch auf hochsensible Personen an sich ein. So wird zum Beispiel erklärt, dass es nicht zwangsläufig mit Introversion einhergehen muss. Es gibt auch Männer, die sowohl hochsensibel sind als auch erlebnishungrig und oder extrovertiert. Anhand von wissenschaftlichen Studien wird erklärt, warum es kein erworbener Charakterzug ist sondern ein angeborenes Temperament, bereits bei Neugeborenen zu beobachten. Kein Vorteil, kein Nachteil, sondern etwas, mit dem man lernen muss umzugehen. 

Zum Abschluss ist es ihm wichtig, HSP von zB affektiven Störungen, sozialer Phobie, PTBS, Borderline, narzistische oder ängstlich vermeidende Persönlichkeiten und anderen zu unterscheiden. Hierzu geht er kurz auf die einzelnen Störungen ein. 


     TEIL 2

Der zweite Teil des Buches ist durch und durch praktisch. Bekannte und neue Übungen sollen dabei helfen, die Hochsensibilität im Alltag zu bewältigen und auf konstruktive Weise damit umzugehen. Schwierigkeiten für sensible Menschen ergeben sich zum Beispiel im Alltag, im Berufsleben und in Beziehungen / Sozialkontakten. Hierfür gibt der Autor praktische Tipps zur Selbstfürsorge, die zwar nicht allgemeingültig sind (wie er selbst betont) aber vielen bereits geholfen haben und als Anregung dienen sollen, wie man als sensibler Mensch auf sich selbst achten kann.

Neben der sensuellen ist vor allem eine emotionale Überreizbarkeit ein häufiges Problem. Sehr detailliert geht Falkenstein daher auf Emotion ein, erklärt ihre Entstehung, die Einteilung in Gefühl / Körper / Gedanke / Verhalten, hilft dies voneinander zu unterscheiden und zu lernen sich besser zu beobachten. Dazu beschreibt er verschiedene Techniken, welche unklare Emotionen konkretisieren, man ihnen dadurch nicht mehr ausgeliefert ist sondern das Bedürfnis hinter der Emotion erkennen und dann aktiv für sich handeln kann. Er lädt dazu ein, auf bisher individuell gelernte Techniken zurückzugreifen, sie mit diesen Übungen zu erweitern. 

Er bietet verschiedene Listen und Tagebücher, mit denen der Leser arbeiten kann. Außerdem werden neben Progressiver Muskelrelaxation und einer klassischen Imaginationsübungen, Achtsamkeitsübungen, verschiedene Meditationen und Entspannungstechniken vorgestellt. 


FALLBEISPIELE

Zwischen den Kapiteln kommen verschiedene hochsensible Männer in Interviews zu Wort. Die ersten Fragen sind für alle gleich: Wann und wie ich festgestellt habe, dass ich hochsensibel bin / Vor- und Nachteile meiner Hochsensibilität / Besondere Herausforderungen für hochsensible Männer in unserer Gesellschaft / Wie sich meine Hochsensibilität auf die Beziehung zu anderen Männern auswirkt / Wie sich meine Hochsensibilität auf die Beziehung zu Frauen auswirkt / Hochsensibilität im beruflichen Kontext / Mein Rat an andere hochsensible Männer. 

Dazu werden einigen Männern zusätzliche Fragen gestellt, passend zu ihrer jeweiligen Situation. Zum Beispiel Strategien der Selbstfürsorge und Veränderungen im Lebensstil / Wie ist es ein hochsensibler Vater zu sein / Hochsensibilität in verschiedenen Kulturen / Was wäre rückblickend für mich wichtig gewesen und weitere. 

Diese Fallbeispiele sind eine schöne Ergänzung. Sie lockern den Theorieteil auf, lassen zwischen den vielen Übungen kurz etwas aufatmen. Es tut gut zu sehen, dass andere Männer ähnliche Probleme hatten / haben und wie sie lernten damit umzugehen. Es gibt Themen, über die Männer untereinander selten reden, die sie nur ungern offen zugeben, und hier wird einiges davon offen ausgesprochen. Etwa die Angst nicht männlich genug zu sein und den Ansprüchen der Gesellschaft nicht zu genügen. Probleme im Arbeitsalltag zwischen Machtposition, Selbstbehauptung und dem Wunsch nach Rückzug. Die Beispiele der Männer machen Mut, sind inspirierend und vor allem realistisch. Einige wuchsen bereits mit diesem Männerbild auf, wurden in der Familie gestärkt in ihren Eigenheiten, während andere von den Eltern und Klassenkameraden abgelehnt wurden und erst nach und nach lernen mussten, sich selbst zu akzeptieren und gegen diese Ablehnung durchzusetzen. Dieser Kontrast ist spannend und regt an zum Nachdenken über die eigene Situation, das eigene soziale Umfeld und unsere Gesellschaft. 


UMSETZUNG, STIL, SPRACHE

Besonders positiv fällt auf, dass der Autor Hochsensibilität nicht als Schwäche darstellt, die man lernen muss zu bewältigen, um gegen die laute Umwelt anzukommen. Genausowenig macht es die Menschen zu etwas Besonderem, das sie in positiver Weise von ihren weniger sensiblen Mitmenschen abheben würde. Nein, für ihn ist es eine angeborene Eigenheit, ähnlich einer hellen Hautfarbe (Neigung zu Sonnenbrand, Empfindlichkeit), die weder gut noch schlecht ist, sondern mit der man eben auf ein paar Dinge im Alltag aufpassen muss. 

Auch ist das Buch auf angenehme, ruhige Weise "männlich" geschrieben. Verzeihung, hier mache ich mal die Klischeeschublade auf. Aber viele Ratgeber zu diesem Thema lesen sich sehr spirituell, sehr feminin. Obwohl es in diesem Buch um Emotionalität, Sensibilität, Meditation und Achtsamkeitsübungen geht, präsentiert es sich praktisch, geradlinig und direkt. Das Inhaltsverzeichnis ist absolut klar gegliedert, es wird nicht "drumherumgeredet", der Autor kommt direkt zur Sache, formuliert das jeweilige Anliegen präzise und effizient aus. 

Am Ende des Buches fiel mir auf: Falkenstein verzichtet auf unnötige Anglizismen! Das hat mich begeistert. Selten verwendet er mal entsprechende Begriffe (zB Body Scan), aber der Großteil ist verständlich ohne unnötige Phrasen. Das fiel mir auf, weil ich beruflich oft von Self-Care höre, von Work-Life-Balance, vom Workflow, von Quality Time und anderen Dingen, die hochtrabend klingen sollen (und dadurch meist das Gegenteil bewirken). 


EIGENE GEDANKEN

Durch die klare Sprache ist dieses Buch sehr einfach zu lesen. Es schiebt niemanden in eine Opferrolle, es verspricht keine Heilung und praktiziert kein Tschakka. Die Übungen und Listen sind tatsächlich ausführbar, motivierend und ohne Aufwand im Alltag zu integrieren. 

Selten, dass ich in einem Buch herumkritzeln möchte. Hier aber hatte ich ständig das Bedürfnis, irgendeinen Satz zu markieren, Absätze anzustreichen, Übungen auszufüllen. Nun, so etwas kann ich nicht, daher belasse ich es dabei, Zettel und Marker in das Buch zu kleben. Aber ich bin sicher, dass es recht bald ziemlich benutzt aussehen wird. Denn es ist sehr alltagsnah und praktisch gehalten, man kann immer wieder darin blättern. Es bietet viel Inspiration, sodass man auch mehrfach darin lesen kann, nicht von vorne bis hinten, sondern je nach Anlass dieses oder jene Kapitel. 

Außerdem freut es mich, dass dieses Buch sich gezielt an Männer richtet. Denn klar ist es ein Thema, das Männer UND Frauen betrifft. Dennoch sind es vor allem Männer, die dadurch von ihrem erwarten Rollenbild abweichen und lernen müssen mit dieser Unsicherheit umzugehen und sich den daraus ergebenden Konfrontationen zu stellen. Sie werden hier ermutigt und gestärkt.


FAZIT

Dieses Buch ist eine Bereicherung unter den bisher erschienen Titeln. Es trägt auf seine eigene, stille, praktische Weise zu der vom Autor erwünschten Emanzipation des hochsensiblen Mannes bei und ist ein klarer Tipp für alle, die sich als Betroffene, Angehörige oder Interessierte mit diesem Thema auseinandersetzen wollen.

SaschaSalamander 07.02.2018, 09.11

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