SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Hyde

Heute wieder einmal eine längere Rezension. Die letzten Monate bin ich sehr viel unterwegs, und meine Prioritäten liegen einfach nicht in der Bücherwelt. Und wenn, dann lese ich aktuell eher Sachbücher statt mich in fiktiven Welten zu verlieren. Es hat eben alles seine Zeit ...

Trotzdem konnte ich nicht widerstehen, als ich von der Neuerscheinung HYDE hörte. Es gibt eben Autoren, bei denen kann ich nicht anders! Von Antje Wagner habe ich hier schon einiges vorgestellt: >VAKUUM<, >MOTTENLICHT<, >UNLAND< und >SCHATTENGESICHT<. Immer wieder schafft die Autorin es, mich zu begeistern, immer wieder setzt sie unverbrauchte Ideen um in ein spannendes Buch und wählt die passenden Worte, mein Ohr zu kitzeln.  Deswegen möchte ich Euch meine Gedanken zu ihrem neuen Roman HYDE nicht vorenthalten.


INHALT

Puh, wie soll man etwas erzählen, ohne zu spoilern? Ich erzähle nur kurz vom Beginn des Buches, das müsste genügen: Katrina trampt, ohne Ziel, sie ist als Tischlerin auf der Walz und sucht nach Arbeit und Unterkunft. Der Leser erfährt, dass sie einen Racheplan hegt und hierfür Geld spart. Es gibt Rückblenden in ihre Vergangenheit, als sie mit ihrem Vater und ihrer Schwester verborgen im Wald lebte. Der Leser erfährt schrittweise mehr über ihre Vergangenheit und weswegen sie Rache üben will, und zugleich folgt er ihrer Gegenwart bis zu einem alten Haus, welches sie auf unheimliche Weise anzieht. 


CHARAKTERE

Keine langen Erklärungen, der Leser wird einfach in die Story geworfen, auch hinsichtlich der Charakte: "Hier ist Katrina, nimm sie so an, wie sie ist, hab einfach Geduld, Du wirst sie schon noch kennenlernen". Während andere Autoren selbst bei Ich-Erzählern verschiedene Kniffe anwenden, um das Geschehen und die Person zu erklären, lässt Wagner es einfach fließen. Warum sollte Katrina sich einem imaginären Leser erklären? Sie kennt sich, das genügt. 

Sie trägt ein Tuch, spricht seltsam, will Rache üben, hat ein kaputtes Bein, verfügt über viele verschiedene Kenntnisse der Natur und des Handwerks, viele Namen kreisen durch ihren Kopf. Das ist eben so. Und wer bereit ist, ihr zu folgen, der wird immer mehr Hinweise bekommen, was sich unter dem Tuch verbirgt, welches Unrecht sie rächen will, wie sie diese ungewöhnlichen Fertigkeiten erworben hat und wer all diese Personen sind. 

Interessant ist auch, dass Katrina nicht gut oder böse ist. Dies wird dem Leser nicht vermittelt. Sie hat ihre Gründe für das, was sie tut, und das ist fernab jeglicher Wertung. Sie ist einfach da. Sie geht einen Schritt nach dem anderen, plant ihr Vorhaben, hat Zeit und Geduld. Sie hört und versteht und fühlt Dinge, die anderen Menschen fremd sind, und dafür findet sie sich in unserer Welt oft nicht zurecht, wie erschlagen von den Eindrücken und Anforderungen. 

Ähnlich werden auch die anderen Personen vorgestellt: Katrina begegnet ihnen oder denkt an sie, und da sind sie dann. Erst im Laufe der Handlung entfalten sie ihre Bedeutung. Hier gibt es dann tatsächlich gut und böse, doch der Leser schlägt sich schnell auf Katrinas Seite, kann sich in sie hineinversetzen, sieht die anderen Personen mit ihren Augen. Auf weitere Personen möchte ich allerdings ungern eingehen, weil es für den Leser einfach schön ist, selbst nach und nach immer mehr zu erfahren. Es wäre also unfair, hier etwas vorwegzunehmen ;-)


ERZÄHLSTIL / SCHREIBSTIL / TEMPO

Die Geschichte wird in kurzen Episoden erzählt. Ohne Action, ohne überzogene Hektik, sehr ruhig, mit behutsam gewählten Worten, und dennoch immer mit einem Cliffhanger. Jede kurze Episode offenbart ein neues Geheimnis, wirft neue Fragen auf. Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass ich im Bett lag und sagte "mir doch egal, wann ich morgen raus muss", aber dieses Buch hat es nach Urzeiten wieder einmal geschafft ;-)

Es ist ein Jugendbuch, und es ist sehr schlicht in seinen Worten, extrem flüssig zu lesen.  Katrina ist eine Frau, die einfach denkt und gerade Wege geht. Dem entsprechend sind die Sätze klar, direkt, schnörkellos und ohne Umwege. Es gibt keine Fremdworte, keine Wortschöpfungen. Dafür aber sehr viel Feingefühl. Das Unausgesprochene hängt zwischen den Zeilen, wartet darauf, dass der Leser danach greift und es versteht. In all seiner Geradlinigkeit ist das Buch dennoch melodisch und weich - Katrinas Liebe zur Natur, ihr Mitgefühl mit den sie umgebenden Wesen, ihre Verbundheit mit der Welt äußert sich in ungewöhnlichen Wahrnehmungen: Gibt es eine reale Bedrohung im Haus? Spielt sich all dies lediglich in Katrinas Wahrnehmung ab? Ist es ein sprachlicher Kunstgriff der Metapher? Dies ist die Frage, die sich dem Leser immer wieder stellt und auf die er sich einlassen muss, wenn er bis zum Ende folgen möchte. 


ZEITEBENEN, HANDLUNGSVERLAUF

Das Buch spielt mit verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen: die vergangene Zeit mit Papa und Zoe im Wald. Die Ereignisse mit Fisch und seinen Kumpanen. Die Vergangenheit bei Gloria in Gefangenschaft. Die Gegenwart im Restaurant Kartoffelparadies und die Flucht in den Wald. Dann ein kurzer Zeitsprung von wenigen Stunden, und das Kartoffelparadies wird zur Vergangenheit, ein weiterer Rückblick.

Das ist eine interessante Erzähltechnik, die ganz subtil weitere Fäden spinnt, um Katrinas Geschichte nach und nach zu entwirren. Lange ist unklar, was der eigentliche Inhalt des Buches ist. Jeder einzelne Erzählstrang hätte im Grunde ein eigenes Buch verdient: eine ungewöhnliche Kindheit. Ein Rachefeldzug. Ein verwunschenes Haus. Ein Drama, ein Thriller, ein Entwcklungsroman, Fantasy oder Krimi. Und dennoch wird vieles nur angedeutet, um am Ende ein Gesamtbild zu ergeben. Ich will auch gar nicht interpretieren, was nun der Sinn und Inhalt des Buches ist, denn dazu hat die Autorin zu viele Dinge offengelassen. Und genau DAS ist es, was mir an dem Buch so gefällt: die Möglichkeit, dass jeder Leser für sich am Ende herauszieht, welcher Teil am meisten bewegte und welchem Teil persönlich Gewicht verliehen wird.

Es ist jedenfalls keine geradlinige Geschichte mit Anfang und Ende, welche man zufrieden beiseite legt und "fertig" sagen kann. Ich kann mir vorstellen, dass vor allem Leser, welche eine ebensolch geradlinige Handlung erwarten, eher enttäuscht sein könnten. Hier wird nicht serviert, hier ist Selbstbedienung angesagt ;-)


EIGENE MEINUNG

Puh, das ist der Punkt, an dem ich jetzt unglaublich gerne ganz, ganz viel erzählen würde. Was ich aus Spoilergründen leider nicht tun kann. Was mir jedoch gefällt ist, dass auch hier wieder die Autorin wie ganz nebenbei etwas einfließen lässt, das mir sehr viel bedeutet und dieses Mal sogar weit über ihre bisherigen Darstellungen hinausgeht. 

Für mich ist alles geklärt, und mich erstaunt selbst, dass ich es ab etwa der Hälfte des Buches sogar geahnt hatte (was bei diesem ungewöhnlichen Ende tatsächlich erstaunlich ist). Ich kann mir allerdings auch vorstellen, dass gerade dieser Aspekt manchem Leser etwas zu "abgehoben" ist. Je nachdem, aus welcher Perspektive man die Handlung betrachtet, bleibt sehr viel offen. Für manchen mag sich sogar die Frage stellen "ja, und wozu das alles? Was will mir die Autorin damit sagen?" 


FAZIT

Es ist ein absolut individuelles Buch, das nur im ersten Moment ein Jugendroman ist und sich bei genauer Betrachtung weder einer Zielgruppe noch einem Genre zuordnen lässt. 

Ein Buch, das ich also jedem empfehlen kann, der sich offen ohne Erwartungen heranwagt. Einfach zu lesen, einfach zu verstehen, die Vielschichtigkeit wird sich allerdings jedem auf andere Weise eröffnen. Lies es, greif zu, bedien Dich selbst und hole Dir heraus, was Dich anspricht ;-)

SaschaSalamander 15.08.2018, 14.05

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