SaschaSalamander

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Kavaliersdelikt

rolls_kavaliersdelikt_1.jpgLeandro trifft in der Schule auf Henny, sie fasziniert ihn, es ist Liebe auf den ersten Blick. Henny schwärmt schon lange für Leandro und kann kaum fassen, dass ausgerechnet er nun auf sie zukommt. Auf sie? Nicht ganz, denn eigentlich heißt Henny Hendrik, und seine langen Haare sowie sein eher androgyner Körperbau führen dazu, dass er manchmal für ein Mädchen gehalten wird. Zuviele schlechte Erfahrungen hat Henny bereits gesammelt, er hat Angst davor, dass Leandro seine netten Worte, seine Einladungen, seine Geschenke zurücknimmt. Immer wieder zögert er es hinaus, seinem Freund endlich die Wahrheit zu sagen. Denn Leandro ist heterosexuell und interessiert sich nicht für Männer. Eine Liebe, die aussichtslos scheint ...

Als ich die Beschreibung las, dachte ich anfangs, es ginge um eine Transgendergeschichte. Hätte mir gefallen, ist ein spannendes Thema. Aber schon auf den ersten Seiten erfährt der Leser, dass es einfach eine Verwechslung war und Henny sich in seiner Rolle als vermeintliche Frau gar nicht so recht wohlfühlt. Und es gefällt mir, wie die Autorin das umgesetzt hat: von Leandros Seite ist die stete Frage, wie man sich einem Mädchen gegenüber verhält und warum er Henny so besonders findet, obwohl sie doch so ganz anders ist als die anderen Mädels auf der Schule. Er steht bald vor der Frage, ob er den Mensch liebt, seine Eigenheiten, die Person, oder doch sein im Kopf festgesetzte Bild eines nicht existenten Mädchens. Wie kann ein Kavalier und Gentleman wie er plötzlich so sexistisch reagieren, wie passt das zu seinem Selbstbild? Und Henny muss sich immer wieder damit auseinandersetzen, wie sich ein Mädchen nun am besten verhalten würde. Anfangs versucht er noch eine Rolle zu spielen und dem erwarteten Klischee zu entsprechen, bis er immer mehr er selbst wird, aber zugleich auch die Angst vor dem Outing wächst. Hier wird sehr viel mit den Klischees gearbeitet, sie werden hinterfragt, die Charaktere reflektieren ihr Verhalten und bringen auch den Leser zum Nachdenken über so manche eigenen Sichtweisen.

Durch diese Konstellation ergibt sich vom ersten Moment an eine Spannung, die sich bis zum letzten Drittel des Buches aufrechterhalt. Wann und wie wird Leandro es erfahren? Wie wird er damit umgehen? Die Handlung baut sich fast schon vorbildlich auf (was ideal für entspanntes Lesen ist, andererseits aber wenig Überraschung oder Abwechslung bietet): Einleitung, Vorstellung der Charaktere und der Situation, dann die steigende Spannung und eine Ankündigung des Konflikts, dann natürlich der große Knall, der Streit, viele Tränen und zum Schluss das ersehnte Happy End.

Erotik findet sich im ersten Drittel kaum, es knistert gewaltig und ist stellenweise sehr sinnlich, doch Henny hat verständlicherweise Angst vor engerem Körperkontakt und zögert diesen so lange als möglich hinaus. Auch diese sexuell aufgeladene Atmosphäre ohne tatsächliche Berührungspunkte trägt sehr zum Lesevergnügen bei. Diese Stellen haben mir am besten gefallen. Danach - nun ja, zugegeben, das Ende hätte man in meinen Augen kürzen können. Ich bevorzuge Handlung gegenüber der Darstellung der Erotik. Andererseits - es ist ein erotischer und romantischer Roman, da darf ich nicht meckern, wenn es dann auch mal zu dem kommt, was der Leser sich noch vor dem Lesen der ersten Seite erhofft und worauf es am Ende hinausläuft ;-)

Die Sprache passt sehr gut zum Stil des Buches: die Dialoge sind stellenweise etwas flapsig und sehr umgangssprachlich, aber locker zu lesen und recht eingängig, es wirkt sehr realistisch. Ein sprachlich literarisches Meisterwerk liegt nicht vor, aber das ist auch nicht das Ziel der Autorin, hier geht es um Romantik, Liebe, eine packende Geschichte und ein herzwärmendes Happy End, um gelungene Unterhaltung. Mir persönlich war es vor allem gegen Ende etwas zuviel von "total irre", "irre geil", "scheiße Mann, Du bist echt geil darin", "obergeil", "wie geil", "voll irre". Anfangs alle paar Seiten passte es gut in den Kontext, doch gerade weiter hinten hätte, als es dann richtig "zur Sache geht" hätte man das statt zu intensivieren gerne etwas reduzieren können. Es zeigt zwar einen realistischen Stil, ist damit nicht so überzogen wie mancher romantische Schinken, der vor schnulzigen Begriffen nur so trieft, trotzdem wurd hier das andere Extrem gewählt, die überzogene Lässigkeit. Allerdings denke ich, dass die meisten Leser sich nicht daran stören werden. Und auch ich habe es dann einfach überlesen und mich weiterhin an der Story erfreut.

Gelegentlich wurden ein paar Kleinigkeiten an Grammatik oder Rechtschreibung übersehen, etwas häufiger als in professionellen Veröffentlichungen üblich aber nicht wirklich markant und für eine private Publikation wirklich sauber überarbeitet, nichts was den Lesefluss markant stören würde.

Alles in allem hat mir KAVALIERSDELIKT sehr gut gefallen und mich neugierig auf weitere Titel der Autorin gemacht. Dieser Titel war einfach perfekt, um gemütlich abzuschalten und sich mit viel Knistern und Gefühl unterhalten zu lassen. Und was mir besonders gefiel war der Aspekt des Genderbender, der für angenehme Abwechslung in einem derzeit recht aktuellen Genre sorgt.

Wertung: 7 von 10 Rosen zum ersten Date

SaschaSalamander 12.09.2012, 08.21

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