SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Mein Gott, Wanda

herwig_wanda_1.jpgINHALT

Wanda hat ihren Teeladen verkauft und will nun von ihrem Ersparten den wohlverdienten Ruhestand genießen. Doch so ganz will das nicht gelingen. Immer wieder besucht sie ihren alten Laden, schließlich könnte der neue Inhaber ja ihre Hilfe brauchen. Ihr wird bald langweilig, und statt die Freizeit zu genießen fühlt sie sich leer und orientierungslos. Als ein Bekannter sie zu einer Australienreise einlädt, ist sie begeistert. Doch kurz vor der Abreise hat ihr Sohn einen Unfall und liegt mit Trümmerbruch im Krankenhaus. Mit Trümmerbruch kann man natürlich kein Fitness-Studio leiten, also soll Wanda einspringen. Schweren Herzens bringt sie das große Opfer, sagt die Reise ab und geht ins Studio. Dort sieht es schlimmer aus als erwartet: die Kunden zahlen nicht, die Geräte sind völlig veraltet, die Räumlichkeiten hässlich und ungepflegt. Kein Wunder, dass ihr Sohn kurz vor der Pleite steht. So wirklich Lust hat Wanda ja nicht, aber ziemlich schnell wird das Projekt zum Selbstläufer, bis sie und ihre Freundinnen dann voller Elan alles geben, aus der abgeranzten Muckibude ein attraktives Studio für Jung und Alt zu machen. Und dann ist da noch der Wettbewerb um das attraktivste Fitness-Studio, bei dem der Gewinner 20 000 Euro erhalten soll. Wie sollen Wanda und ihre Freunde das in dieser kurzen Zeit schaffen?


CHARAKTERE

Die Charaktere sind, wie auch alles andere im Buch, sehr klar und geradlinig definiert. Es ist einfach und nachvollziehbar geschrieben, wie Wanda anfangs widerwillig arbeitet, sich vom "klebrigen Band der Mutterliebe" gefangen fühlt und dann immer begeisterter in ihrer Aufgabe aufgeht. Auch ihre Freundinnen haben klare Rollen, die eine Lebefrau auf Männerjagd, die andere ein Putzteufel mit Backwahn und Ehemann. Hier und da erlebt man, wie einzelne Nebenfiguren ihre anfängliche Maske fallenlassen und aus einem freundlichen Menschen ein arroganter Kerl wird oder ein Macho, Rambo und Kinderschreck seine freundliche Seite zeigt. Es steckt eben mehr in den Menschen, als man auf den ersten Moment ahnt. Wirklich überraschend sind diese Wandel nicht, der Schreibstil und der Inhalt des Buches machen klar, dass hier alles ein Happy End finden wird und Konflikte sich wie von selbst in Luft auflösen. Die Charaktere könnten meine Nachbarn und Verwandten sein. Mir sind sie alle schnell ans Herz gewachsen. Auch die vielen Randfiguren konnte ich mir sehr gut einprägen, weil sie in wenigen Worten klar beschrieben wurden in ihren Eigenheiten.


SPRACHE

Die Sprache in diesem Roman ist sehr schlicht gehalten, lässt sich perfekt lesen, während man gerade entspannt am Strand liegt, seinen Urlaub auf dem Sofa genießt oder - in solchen Momenten liebe ich diese Art Bücher besonders - am Wellnesstag zwischen Sauna, Sprudelbad und Gesichtsmaske ein bisschen Unterhaltung möchte. Manchmal, wenn der Alltag besonders stressig ist, braucht man einfach eine kleine Verschnaufpause und ein Buch, in dem alles glattläuft.


AUFBAU

Der Aufbau ist wie alles an diesem Buch geradlinig und schlicht, wartet mit keinen großen Überraschungen auf. Zuviel Action und Aufregung würde nur stören. Eine Art "Showdown" gibt es natürlich, als die Juroren des Wettbewerbes unangekündigt vor der Tür stehen und genau zuvor das größtmögliche Chaos eintrat. Natürlich steht auch immer die bange Frage im Raum, was der Sohn dazu sagen wird, wenn aus der Muckibude für harte Jungs plötzlich ein freundlicher Treffpunkt mit Tee, Kuchen und ein bisschen Fitness wurde? Hier und da gibt es kleine Konflikte, z.B. wenn ein Kunde penetrant unhöflich ist, wenn der Dackel des Nachbarn immer wieder im Garten sein Geschäft verrichtet. Aber alle Probleme lassen sich lösen, irgendeiner der jungen Kunden besitzt ein besonderes Talent, oder einer der Senioren hatte da früher den passenden Beruf. Vorhersehbar, und das im positiven Sinne: ich hatte sehr oft ein ganz breites Grinsen oder Strahlen im Gesicht, wenn sich wieder einmal alles zur Zufriedenheit aufklärte.


HUMOR

Ein stiller Humor, kein brüllendes Lachen, keine Schadenfreude, aber jede Menge Herz, Menschlichkeit und Charme. Es gelingt der Autorin geschickt, die Situationen so einzufangen, dass die absurden Momente herausgepickt werden und ein normaler Alltag plötzlich voller Witz steckt. Kleine Dialoge, treffende aber ungewöhnliche Metaphern, Menschen. Voller Herz und Wärme.

Sehr viel Humor findet sich im Fitness-Wahn, der aufs Korn genommen wird. Wie sollen Wanda und ihre Freundinnen im Laden bitte den Unterschied erkennen zwischen einer Sweathose, Funktionshose, Hose mit Climalite-Technologie, City-Sweatpants und einer stinknormalen Trainingshose? Und was könnte Wanda den Leuten in ihrem Studio bieten, wo das konkurrierende Planet Fitness mit Power, Action, Group-Groove, Water Warrios, Fusion-Yoga, Pilato-Burn, Power-Sculpt, Cardio-Lift und Triple Powerdingens aufwartet?


ROMANTIK

Romantik im klassischen Sinne kommt hier nicht vor. Aber es fließen natürlich Beziehungen, Liebschaften, Verliebtsein, Trennungen mit ein. Wanda, ihre Freundin, ihre Tochter, alle drei werden mehrfach vor die Frage gestellt, was sie wollen und was in ihrem Leben wichtig ist. Und was als so erstrebens- und liebenswert erschien, muss nicht immer das sein, was das Herz tatsächlich verlangt. Natürlich sind am Ende alle glücklich, doch bis dahin gibt es einiges zu erleben. Kein Herzschmerz, kein Schnulz, keine Schmetterlinge, aber ein Lächeln auf dem Gesicht.


GENERATIONSÜBERGREIFEND

Es ist köstlich zu lesen, wie Wanda und ihre Freundinnen den Club aufmöbeln und sich Jung und Alt dabei immer näher kommen. "Sixty is the new sexy", und getreu diesem Motto legen sich die Herrschaften so richtig ins Zeug. Die jungen Clubbesucher sind erstaunt, was Hajo, Marianne, Biggi und die anderen so alles zu bieten haben an Fachwissen und Ideen. Und niemand kann so überzeugend Leute "überreden" wie der junge, tätowierte Biker Axel und seine Kumpel. Nachdem die "Jungspunde" langsam auftauen und aus sich herausgehen, packen auch sie ordentlich zu, sie können malern und schleppen und Trainingskurse geben, dass es eine wahre Freude für den Leser ist. Es macht Spaß, wenn die Rentner zu ACDC und Bon Jovi ihre Streching-Übungen machen und dafür der junge "Rambo" dafür Rechtsbeistand vom "alten Hasen" bekommt. Matti kann super streichen, und dafür kann Marianne Hosen flicken.

Natürlich müssen sie alle erst einmal ihre ersten Berührungsängste überwinden, und es kommt immer wieder zu kleinen Problemen. Wie hätte Wanda auch ahnen sollen, dass sie nicht gleichzeitig den Punchbag und den Sandsack vermieten kann und nun zwei Männer darum streiten, wer das Ding benutzen darf? Facebook, Twitter und Co sind schrecklich, aber zum Glück gibt es den hilfreichen Nachbarn, und vielleicht könnte man ja doch ... Und es ist wirklich eine Schande, dass Wandas alter Kräuterteeladen plötzlich zu einer orientalischen neumodischen Teestube werden soll, in der sogar solche seltsamen Sachen wie "Matscha" verkauft werden. Obwohl - vielleicht, mal ein Tässchen probieren, ...

So sollte es sein, so gehört es sich. Schade, dass es in der Realität oft schwerer ist und es nicht so gut endet. Aber man darf doch davon träumen, dass es so sein könnte. Schließlich wäre es alles ganz einfach, Wanda zeigt es uns.


FAZIT

Das Buch liest sich schnell und unterhaltsam, zaubert ein Lächeln ins Gesicht und tut einfach gut, wenn man den Alltag einfach einmal hinter sich lassen möchte. Wanda und ihre Freunde schließt man sofort ins Herz. Ich wünschte mir, dieses ungewöhnliche Sportstudio wäre bei mir um die Ecke, damit könnte man wohl sogar mich Sportmuffel überzeugen ;-)

4,75 von 5 riesige Gartenzwerge

***************

Anmerkung: was das Cover mit dem Buch zu tun haben soll, ist mir schleierhaft. Dafür kann jedoch die Autorin nichts, Cover werden i.d.R. vom Verlag festgelegt. Und manchmal frage ich mich, was in den Köpfen von Covergestaltern vorgeht ...

SaschaSalamander 23.08.2012, 09.35

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