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Meine Mutter, sein Exmann und ich

Der Roman MEINE MUTTER, SEIN EXMANN UND ICH des Autors >T. A. Wegbwerg< erzählt aus dem Leben eines Jugendlichen: Joschkas Mutter lebt inzwischen als Mann und heißt Frederik. Joschka wohnt bei seinem Vater, muss sich um seinen nervigen kleinen Halbbruder kümmern und gerät immer wieder in Streitigkeiten mit der neuen Partnerin seines Vaters. Aus Angst vor Ausgrenzung hält er auch vor seinen Freunden die Transition geheim. Seine Zwillingsschwester Liska geht offen mit diesem Thema um, sie wohnt bei Frederik und versucht immer wieder, die Familie zusammenzubringen. Dann wäre da noch das Mädchen, auf das Joschka ein Auge geworfen hat. Und der neue Klassenkamerad, dessen Geheimnis / Problem er auf den Grund gehen möchte. Dazu kommen weitere Themen und Ereignisse, die es ihm nicht leicht machen, sich im Alltag des Lebens und der Veränderungen zurechtzufinden ...


Inhaltlich erzählt das Buch vor allem Alltags-Episoden aus Sicht des Protagonisten. Dabei gibt es kein klares Ereignis für Anfang und Ende, keine konkrete Handlung mit Aufbau, Spannungsbogen und Abschluss. Vielmehr gibt es viele verschiedene Baustellen, an denen Joschka arbeiten muss. Er wird konfrontiert mit unangenehmen Wahrheiten, muss lernen sich selbst zu finden und eine Balance herzustellen aus eigenen und fremden Bedürfnissen. Oft macht er sich das Leben auch selbst unnötig schwer, aber so ist das nun mal als Teenager ;-)

Ihm ist bewusst, dass die Situation für Frederik nicht leicht ist, ständig ist er hin und her gerissen. Dennoch ärgert er sich über die Nachteile, die dadurch für ihn entstehen. Er vermisst seine Mutter, gleichzeitig aber spürt er, dass sie noch immer da ist, dass ein neuer Name und ein Bart nicht verändern, was zwischen ihnen war und ist. Ihm ist klar, dass er im Haushalt mit Vater und seiner neuen Frau auch Pflichten erfüllen muss, etwa einzukaufen oder sich um den Bruder zu kümmern. Dennoch überfordert es ihn, wenn der Stundenplan es nicht ermöglicht, den Kleinen rechtzeitig aus dem Kindergarten abzuholen. Oft vergisst er ihm gestellte Aufgaben, es gibt Streit wegen einer entsorgten Lieblingsjeans, wegen eines Kuscheltieres. Er weiß, dass Schweigen gegenüber Freunde vermutlich verletzender ist als ein Outing, dennoch bringt er nicht den Mut auf, offen mit ihnen zu reden. 

Es gibt also viele Themen, die das Buch behandelt: LGBTIQ* und speziell Trans*Identität, eine bestimmte Krankheit (ich spoilere hier nicht), erste Liebe, Patchwork-Familie, Schulalltag, Freunschaft, Pubertät. Auch interessiert sich Joschka für die Streckenfahrpläne der BVG, er möchte später Verkehrsingenieur werden. Dadurch erhält der Leser einen ziemlich genauen Einblick über einzelne Strecken, Haltepläne, Verbindungen der Berliner Öffentlichen Busse und Bahnen. 

Die Stärke des Buches hierbei ist, dass es sehr flüssig zu lesen ist. Viele fortlaufenden Situationen, ungeklärten offenen Fragen, viele zu verarbeitenden Eindrücke. Der Schreibstil passt hervorragend zum Protagonisten, ist lässig und locker gehalten ohne dabei zu übertreiben. 

Ein Problem darin liegt allerdings, dass viele der interessanten Themen nur an der Oberfläche angekratzt werden. Der Charakter Joschkas wird so dargestellt, dass ein jugendlicher Leser sich sehr gut hineinversetzen kann und mit ihm fühlt. Er verändert sich zwar, bleibt aber dennoch an vielen Punkten etwas blass und für sein Alter eher unreflektiert (was auf der anderen Seite eine gute Projektionsfläche für den Leser bildet, der die unreflektierten Punkte für sich selbst ausfüllen kann). 

Das titelgebende Thema, Frederik, wird gegen Ende recht spontan "abgearbeitet". An der Stelle, als es eigentlich wichtig wird, als Joschka sich seinen Ängsten stellen muss und über sich hinauswächst, wird die Handlung übersprungen bis zur "Auflösung", der wichtige Teil des Konfrontiert-Werdens wird übergangen und rückwirkend in ein zwei Sätzen erklärt. Das ist etwas schade. Da das Buch jedoch um Joschka geht, ist dies in Ordnung, denn Frederiks Empfinden der Konfrontation und sein Umgang damit  sind für ihn nicht mehr wichtig, sein eigenes Problem ist geklärt, er hat seinen Frieden mit der Situation geschlossen. Schöner, runder Abschluss für das Buch. 

Alles in allem ein schönes Buch, das sich gezielt an Jugendliche richtet und einen schönen Blick auf den jugendlichen Alltag, gleichzeitig auch auf die Transition eines Elternteils richtet. Es ist gut geeignet, um es jugendlichen Angehörigen in die Hand zu geben, da sie in Joschka ein realistisches Vorbild haben, das verschiedene Facetten und Gedankengänge beinhaltet. Erwachsene können es auch lesen, werden aber bereits über viele der vom Protagonisten geführten Entwicklungen hinweg sein und das Buch eher überfliegen. 

SaschaSalamander 07.07.2017, 08.49

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