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Mindnapping 17 - Mardi Gras

Beinahe ein Jahr dauerte es, bis die Fans die neue Folge MINDNAPPING in der Hand halten durften. Lange war unklar, ob es weitergehen würde mit der Reihe. Denn, es ist kein großes Geheimnis, gute Hörspiele kosten die Label eine Menge Geld (es braucht ja nicht nur das Drehbuch, sondern auch noch Sprecher, Musik, Ton, etc), und oft stehen Produktionskosten und Gewinn in keinem Verhältnis, erst recht bei einer eher kleinen Zielgruppe von Fans. Umso erfreulicher, dass die aktuelle Folge MARDI GRAS erschienen ist, denn ich fand sie diesmal einen ganz besonderen Leckerbissen, der sich neben >DOPAMIN< und >MONTANA< zu meinen Favoriten findet.


MARDI GRAS hebt sich von den anderen Folgen ab, ist inhaltlich und erzähltechnisch sehr ungewöhnlich:



Barbara Nox, die ich-Erzählerin, ist Künstlerin. Nach dem Tod ihrer  Geliebten und Muse Camille versuchte sie sich erfolglos das Leben zu nehmen, was zwar den Verkauf ihrer Bilder ankurbelte, sie selbst aber immer tiefer in die Depression rutschen ließ. Und nun wird ihr ein scheinbar aktuelles Bild zugespielt, auf dem Camille gleich einem Voodoo-Zombie in den Straßen von New Orleans zu sehen ist. Es ist Mardi Gras, Karneval, und Barbara macht sich sofort auf die Suche nach Camille. Doch statt Liebe erwarten sie Intrigen und blutige Morde. Irgend jemand spielt ein grausames Spiel mit ihr, und es ist unklar, ob sie das nächste Opfer ist oder gar der Täter ...

MINDNAPPING ist bekannt für ungewöhnliche Wendungen und mehrfach verschachtelte Twists. Diesmal wurde die Handlung etwas einfacher gestrickt, dafür ist es unglaublich, was in Sachen Storytellung, Sound und Atmosphäre geboten wurde.

Die Rolle der ruppigen und eigenwilligen Künstlerin ist Katja Brügge wie auf den Leib geschnitten, eine bessere Sprecherin kann man sich nicht vorstellen. Mit ihrer dunklen, ruhigen Stimme trägt sie als Erzählerin wie auch Protagonistin den Hörer durch die CD, gewährt Einblick in ihre intimsten Gedanken. Überhaupt ist "intim" ein Wort das mir bei dieser Folge mehrfach durch den Kopf ging: Gefühle, Gedanken, Atmosphäre, Dichtigkeit, der Hörer ist dieses Mal auf eine Weise "mittendrin", wie ich es sonst nur selten bei Hörspielen erlebe. Und doch sind Musik oder Soundeffekte an keinem Punkt aufdringlich. Immer halten sie sich im Hintergrund, untermalen die Szene und sorgen für absoluten Hörspaß.

Rückblenden, Träume, Realität werden zu einem hauchzarten Tuch, welches über der Geschichte liegt, immer klar erkenntlich und doch filigran verwoben. So verletzlich und zart Barbara in ihren Gedanken wirkt, so hart, ja sogar kalt und dominant gibt sie sich nach außen, unnahbar. Und auch an den Schauplätzen ist der Hörer live dabei. Ob jemand sich auf Toilette erleichtert, ob ein Mensch brutal geschlachtet wird, auch wenn das bunte Treiben in den Gassen von New Orleans tobt und die Gäste in der rauchigen Bar sitzen und der Livemusik lauschen. Als würde eine Kamera direkt ins Geschehen blenden, nicht nur durchs Schlüsselloch sondern direkt auf die Szene, ungeschönt, ungefiltert, ohne Tabu, mit allem zugehörigem Dreck und Elend. Das ist sehr ungewöhnlich, aber gerade solche hautnahnen, ansonsten oft tabuisierten Momente verleihen MARDI GRAS seinen unverwechselbaren Reiz.

Sehr schön auch das lesbische Element in dieser Folge. Mir fällt auf Anhieb kein anderes Hörspiel ein, das dieses Thema beinhaltet (bin gerne offen, wenn jemand eines kennt und im Kommentar benennt). Wo die Macher bei der Schilderung der meisten Szenen dieses Mal auf Tabulosigkeit setzen, wird hier allerdings eher eine gewisse Erotik vermittelt, für ein unterschwelliges Knistern sorgt, die weiche Haut, die sanften Blicke ein faszinierender Kontrast zu blutigen Morden und seelenlosen Zombieaugen. Angedeutete Zärtlichkeiten im Widerspruch zu den vulgären Ausdrücken und Verhaltensweisen in anderen Sequenzen, ein kongenialer Mix, der seinesgleichen sucht. Allein dadurch entsteht eine Spannung, die alleine durch die Handlung gar nicht in dieser Weise transportiert werden könnte. Wie wird sich alles auflösen? In Liebe, Happy End, Erotik, oder doch in Gewalt, Brutalität, Zerstörung? Immer wieder dieser schmale Grat ...

Wie schon erwähnt, ist Katja Brügger der unerreichte Star dieser Folge. Aber auch die anderen Sprecher leisten herausragende Arbeit. Detlef Bierstedt als der Voodoo-Priester und undurchsichtige Geschäftsmann Barnabas Noe, ja, so kennt und liebt man ihn. Udo Schenk verkörpert die Rolle des von Gier zerfressenen Agenten Gabe Ferrara greifbar unsympathisch. Auch kleinere Rollen wie Uve Teschner, Arianne Borbach sorgen für eine Top-Besetzung bis in die kleinste Szene. Einzig Alexandra Doerk sticht da etwas heraus, wirkt etwas künstlich und in dem ansonsten großartigen Hörspiel etwas irritierend, was allerdings der Gesamtwertung keinerlei Abbruch tut.

Alles in allem - wow, gerade bei einer solch besonderen Folge tut es weh, wenn man sich vorstellt, dass MindNapping vielleicht bald Geschichte sein könnte. Kurze voneinander unabhängige Episoden, immer wieder neue Themen, herausragende Sprecher, tolle Soundeffekte, kreative Ideen, gelegentliche Crossover für die Fans - mehr kann man wirklich nicht von einem Hörspiel erwarten. 

SaschaSalamander 28.09.2015, 08.44

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