SaschaSalamander

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Mord in Serie 20 - Gekauftes Glück

Manche Rezensionen fallen mir sehr leicht, andere eher schwer. Und die schiebe ich dann lange vor mir her. Und weil ich merke, dass ich rein sachlich nicht weiterkomme und trotzdem unbedingt etwas zu dieser ungewöhnlichen Folge schreiben möchte, schreibe ich also mal sehr subjektiv und gehe eher auf die Geschichte ein als das Hörspiel an sich.


Und, vorab: keine Sorge, ich werde nicht das Ende verraten oder Wendungen vorwegnehmen. Aber ich werde näher auf den Inhalt eingehen. Denn ich finde es auch sehr wichtig, sich mit dieser Folge auseinanderzusetzen. Nach dem Hören haben mein Mann und ich erst einmal eine halbe Stunde dagesessen und uns ausgetauscht über die Entstehung des Hörspiels, über die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, über das brisante Thema, über Rechte und Pflichten der modernen Medien und einige weiteren Gedanken. Im Anschluss musste ich Christoph Piasecki dann doch eine Mail schreiben, weil wir uns die Frage zur Entstehung des Hörspiels natürlich nicht selbst beantworten konnten.

Klappentext: Nadine Schäfer und ihr Mann Tobias wünschen sich verzweifelt ein Kind. Als eine Adoptionsagentur ihnen den kleinen Waisenjungen Mohan vorstellt, sind sie auch bereit, jeden Preis zu zahlen. Doch es scheint, als seien sie Betrügern ins Netz gegangen. Kurzerhand reisen die beiden nach Luxemburg, dem Sitz der Adoptionsvermittlung. Dort bringen sie ihre Nachforschungen jedoch nicht nur in Lebensgefahr. Plötzlich stehen sie ganz oben auf der Fahndungsliste der Polizei.

Diese Folge habe ich wieder zweimal gehört, und sie hat mich sehr beeindruckt. Zumal es eine Folge ist, die beim ersten und zweiten Hören noch nicht so wirklich "zu mir durchgedrungen ist", jetzt nach langer Diskussion und mit etwas Abstand mich aber sehr bewegt hat. Trotzdem gibt es auch ein paar kleine Kritikpunkte, die ich ebenso nennen muss: 

Die Story kommt von einem eher alltäglichen (wenn auch ernsten) Thema sehr schnell hin zu Bomben, Gewalt und Terror, das ist ziemlich viel auf einmal. Etwa 60 Minuten, darunter die Szene des Paares beim Arzt, der Kontakt zur Agentur und zu Mohan, dann der Roadtrip an den Zielort, und am Ende dieser mächtige Showdown, das war mir persönlich zuviel anfängliches Geplänkel für so ein mächtiges Feuerwerk zum Abschluss. Obwohl die einzelnen Punkte (Kinderwunsch, Adoption, Flüchtlinge, Kindersoldaten, Terrorismus) gut miteinander verbunden wurden, wirkt es ein wenig wie Flickwerk. Das ist meiner Ansicht nach zuviel Stoff, um ihn in 60 Minuten Unterhaltung abzuspulen. Dadurch leidet das Hörspiel dann doch und fährt über manche der Themen schnell mal so "drüber hinweg", erwähnt es am Rande, um wieder auf den ultimativen Höhepunkt zuzusteuern. 

Das Ende klingt auch sehr mächtig aufgetragen. Da will man nur mal ein Kind adoptieren, und schon ist man mitten in einem terroristischen Akt. Aber, so absurd das klingen mag, wurde die Geschichte dennoch sehr gut erzählt. Erschreckend realistisch sogar, denn die Abwärtsspirale des Ehepaares wurde glaubwürdig dargestellt, die betrügerischen Mechanismen kann man sich auf diese Weise sehr gut vorstellen.

Die Folge kann auch gewisse Ängste schüren, und wir haben lange darüber diskutiert, was man in einem Hörspiel erzählen darf und was nicht. Aber: mir ist klar, dass ein Hörspiel lange Vorlauf braucht in der Produktion, sodass es kaum Bezug nehmen kann auf aktuelle Themen. Außerdem ist klar zu trennen zwischen Fakt und Fiktion, und ich finde es mutig und spannend, wenn Label den Mut haben, auch schwierige Inhalte umzusetzen. Larifari Unterhaltung vor dem Zubettgehen, das ist leicht und kann jeder produzieren. Aber die erwachsenen Titel von Contendo Media schätze ich vor allem deswegen, weil die Hörspiele eben über Unterhaltung hinausgehen und man sie nicht einfach nebenbei hören kann. Man muss sich aktiv damit auseinandersetzen, sie eventuell sogar wirken und setzen lassen. 

Was die Folge neben den Inhalten wieder so glaubwürdig macht, ist die Umsetzung. Namhafte Sprecher wie Tatjana Auster, Robert Missler, Michael-Che Koch, Ela Paul und weitere beweisen wieder einmal ihre Professionalität. Hinsetzen, Augen schließen, schon sieht man den Film vor dem inneren Auge ablaufen, sieht die Gesichtsausdrücke, die Mimik, Körpersprache, als stünde man direkt inmitten der Handlung. Die Musik fügt sich wie ein Filmsoundtrack in die Handlung, und die Geräusche lassen das Geschehen umso plastischer wirken. Wie gesagt: Contento ist den Kinderschuhen des Hörspiels schon sehr lange entwachsen, was der Hörer geboten bekommt ist Ohrenkino in Reinform. 

Wie anfangs erwähnt habe ich Christoph Piasecki kontaktiert, weil ich einfach zu neugierig war über die Entstehung. Er schreibt: "Die Story war im Frühjahr 2015 geschrieben, da waren weder Flüchtlinge ein Thema, noch Anschläge in Paris oder Terrorzellen in Belgien. Dass das alle quasi dann so heftig auf einmal kam und das relativ kurz vor VÖ war dann schon heftig." Es gibt eine kürzer gefasste Szene gegen Ende, aber gerade zu Beginn wurde das Hörspiel belassen wie geplant. Die Macher haben sich ausführlich damit auseinandergesetzt, in welcher Form das Hörspiel erscheinen soll, und ich finde das Ergebnis wie gesagt sehr mutig, da es ähnlich einem spannenden Film-Thriller zur PrimeTime eben tiefer geht und den Hörer so richtig packt (und das ist eben nicht möglich, wenn man nur an der Oberfläche tänzelt). 

Es ist nicht das erste Mal, dass Hörspiele bald von der Realität eingeholt werden, man denke etwa an MORD IN SERIE 16 (Terror im Flugzeug) oder TEAM UNDERCOVER 15 (Großwildjagd). Ich finde, gute Autoren sind moderne Propheten, und dieses Phänomen erlebt man sehr oft, sei es nun bei Orson Welles, Jules Verne, Stark Trek oder ähnliche Titel (etwas moderner eben Eschbach, Isau, Schätzing, Weir u.a.). Zu sagen, dass Markus Topf "nur" Hörspiele schreibt, wäre wohl ungerecht, denn auch in diesem Medium zeigt sich sein Gespür für brisante Themen, aktuelle Trends und kommende Entwicklungen, eine Gabe die gute Autoren auszeichnet.

Alles in allem also: "gefallen" ist das falsche Wort, denn gefallen hat mir das Hörspiel nicht wirklich. Wie bei Facebook, wo "gefällt mir" manchmal einfach unpassend ist. Einerseits aufgrund der zu vielen Themen in der kurzen Zeit, andererseits aufgrund des ernstes Themas. Aber es hat mich sehr beeindruckt, mir sehr spannende Diskussionen beschert und dazu geführt, dass ich mich sehr intensiv damit auseinandergesetzt habe. Eine ganz besondere Folge innerhalb der Reihe ...

SaschaSalamander 08.03.2016, 09.39

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