SaschaSalamander

Ausgewählter Beitrag

Sieben Arten Dunkelheit

KLAPPENTEXT
:
Das Vielnachtamulett schützt seinen Träger vor der Magie der Finsternis. Als Schüler eines Nachtzähmers tragen David und Ayumi diesen Talisman. Doch im Dunkel braut sich etwas zusammen, so finster, dass kein Amulett der Welt dagegen etwas ausrichten kann ...

GENRE

Ich erwartete eine Heldenreise (vergleichbar zum Beispiel DIE UNENDLICHE GESCHICHTE oder etwas erwachsener aber ähnlich im Aufbau GOOD OMENS), in der sich zwei Helden aus zwei Welten begegnen und miteinander eine Aufgabe zu erfüllen haben, doch dies ist nicht der Fall. Da möchte ich hier aber nicht vorweggreifen. Nur soviel: für eine einzelne Heldenreise sind es auf jeden Fall auch zu viele Protagonisten, die als mögliche Helden infrage kommen. Wie gesagt: überraschen lassen, was es mit den Charakteren, der Dunkelheit und den verschiedenen Welten auf sich hat ;-)

Soviel kann ich sagen: es handelt sich um ein klassisches Jugendbuch mit Elementen der Urban Fantasy.


CHARAKTERE

Es gibt viele Protagonisten, die auf ihre Weise zur Handlung beitragen. Krigk und seine Schwester R´hee, David und seine Klassenkameradin Ayumi. Außerdem kommen im Laufe der Handlung weitere Figuren dazu, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird und die ihren Anteil beitragen. 

Ich denke, jeder wird seinen eigenen Favoriten in diesem Buch finden, es gibt keinen einzig klaren Sympathieträger. Jeder hat Eigenheiten, die ihn für einzelne Lesende interessant machen, sie alle unterschieden sich: der Ängstliche, der mutig wird. Der Eiferer, der sich überschätzt und seine Lektion zu lernen hat. Einer, der aus edlen Motiven das Falsche tut. Ein unscheinbares Mädchen, das die Gefahr erkennt. Eine toughe Jugendliche, die ziemlich selbständig ist, ein überaus kreativer Hausmeister, ein typischer "Mister Miyagi" und einige mehr. 

Die vielen Charaktere machen das Buch sehr abwechslungsreich. Hier ist leider aber auch ein Schwachpunkt: beginnt man sich gerade mit einer Person anzufreunden, wechselt erneut die Sichtweise, der Kontakt geht verloren, es wird kein richtiger Bezug aufgebaut. Dadurch konnte ich nicht so gut eintauchen und mitfiebern, wie ich dies gerne getan hätte. 


SPRACHE / KREATIVITÄT

Christian von Aster liebe ich vor allem wegen seiner Sprachgewalt und überbordenden Fantasie. Dass er sich in einem Mainstream-Verlag mit einem regulären Buch nicht in der für ihn üblichen Form austobt sondern etwas zurückhält, war mir von Beginn an klar. Daher schraubte ich meine Erwartungen hinter den kleineren Veröffentlichungen zurück, und ich wurde nicht enttäuscht: 

Obwohl das Buch sehr schlicht zu lesen ist, bindet der Autor immer wieder geschickte Worte und fantasievolle Ideen ein. Vor allem Doppelkonsonanten und der Laut "Sch" haben es ihm angetan. Dazu einige Binnenreime und Alliterationen. Ein Genuss, die Vielfalt der nachtwärtigen Wesen und ihre Welten und Waffen zu lesen: Schimmrige Dämmerschuppen, schillernde schwarze Schuppen, große Glimmergeißel, Schemenschnabler, Zwielichtwichtel, Nachtschattennatter, Finsterfanz, Schemenschwirrlinge, Dämmerdrummel und vieles mehr erwarten warten nur darauf, von David, Ayumi, Krigh und R´hee erkundet zu werden. Auch ein paar witzige Wortkreationen (mein Favorit: "Glühlampenfertigungsstrecke") gibt es zu entdecken. Und wie mag wohl der "Geruch nach verbrannten Schatten" riechen? Wie fühlen sich nachtgetränkte Tücher vor den Augen an?

Ansonsten ist das Buch in Sachen Kreativität und Sprachwitz eher gemäßigt für Asters Verhältnisse, eben großverlags- und mainstreamtauglich. Dies ist auch nicht als Kritik zu verstehen, da das Buch sich sehr flüssig und angenehm liest und noch immer erkennbar ist, welch kreativer Geist hinter diesem Buch steht.

Einzig ungewohnt ist, dass David Umgangssprache redet (und dabei grammatikalische Schnitzer bringt, die zwar nicht sofort ins Auge springen da eben alltäglich so von den meisten Menschen gesprochen, Lesenden mit "Korrektur-Blick" aber doch schmerzen). Aber da klar ist, dass dies Davids Duktus ist, konnte ich mich damit anfreunden und während seiner Dialoge kurz meinen inneren Kritiker ausblenden. Denn dass Aster das absichtlich eingebaut hat, um ihn auch von den anderen abzuheben, ist mir klar (trotzdem schmerzte es mich, das zu lesen).


AUFBAU / ERZÄHLWEISE

Der Autor hat mit der Dunkelheit eine menschliche Urangst aufgegriffen und ein sehr spannendes Thema daraus gebastelt. Während ich mir oft wünsche, dass Schreiberlinge ihre Bücher bitte kürzen und sich auf das Wesentliche konzentrieren mögen, hätte ich mir in diesem Buch tatsächlich etwas mehr Ausführlichkeit gewünscht. Nicht unbedingt einen Zweiteiler, aber doch einige Kapitel mehr. 

Aster rast mit seinen Helden nur so durch die Seiten, von Beginn an gibt es kaum einen Moment zum Durchatmen, immer passiert etwas, erfährt man etwas Neues, trifft auf neue Figuren, gibt es eine Gefahr. Eine gute Möglichkeit, dies zu entschleunigen, wäre die ausführlichere Erklärung der Dunkelheit gewesen. Es gibt sieben Arten, jede trägt einen eigenen Namen, hat ihre eigenen Regeln und beherbergt ihre eigenen Kreaturen. Eine tolle Vorlage, die leider nicht genutzt wurde. Statt dass der Lehrer David jede Dunkelheit erklärt, wird dieser Unterricht nicht weiter erwähnt, werden einige Lektionen für die Lesenden ausgelassen und statt dessen gegen Ende in einem kurzen Nebensatz abgehandelt . Auch die einzelnen Wesen der Dunkelheit hätten meiner Ansicht nach etwas mehr Beachtung verdient statt nur in kreativen Worten en passant erwähnt zu werden. 

Immerhin: durch die kurzen Kapitel und den raschen Erzählfluss liest sich das Buch wie von selbst. Man ist regelrecht überrascht, wenn man dann bereits am Ende angelangt ist und sich plötzlich der Showdown ankündigt. Alles überschlägt sich, und dann ist es auch ziemlich schnell zu Ende. Ein paar abschließende Worte, dann ist das Buch vorbei. Schade irgendwie, weniger ist nicht immer mehr.

Das Ende hinsichtlich der Prophezeiung ist sehr unüblich. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass einige Lesende enttäuscht sind und sich hier statt des offen gehaltenen Endes eine klare Aussage gewünscht hätten. Doch ich für meinen Teil war begeistert und freute mich. Von Aster schrieb das Ende, das ich mir gewünscht aber nicht zu erhoffen gewagt hätte. Ich weiß nicht, ob es ein ungeschriebenes Gesetz für die Auflösung alter Prophezeiungen in Fantasybüchern gibt - aber falls ja, hat er dieses zu meiner Freude auf jeden Fall gebrochen. Er ist und bleibt eben ein Querkopf, dessen Bücher sich nur schwer in Verlage und Schubladen pressen lassen ;-)


PERSÖNLICHE MEINUNG

Ich habe SIEBEN ARTEN DUNKELHEIT sehr genossen und binnen kürzester Zeit verschlungen. Meine stellenweise geäußerte Kritik ist tatsächlich Jammern auf hohem Niveau, geschuldet den extrem hohen Erwartungen an den Autor. Der Gedanke an die Nachtwesen wird mich noch einige Zeit begleiten, und ich werde es sicher mit etwas Abstand auch ein zweites Mal lesen. 

Mein erstes Werk des Autors war die Gedichtsammlung >DIE MITTERNACHTSRABEN<. Ich habe es zweimal im Blog erwähnt, daher >noch ein Link<. Dort gibt es auch die Legende vom Schattenbastard, an die ich mehrfach während der Lektüre dieses Jugendbuches denken musste. Sie hat keinen direkten Bezug zu diesem Werk, doch einzelne düstere Szenen ließen mich dennoch eigene Verknüpfungen ziehen und füllten das, was der Autor kürzte und nicht beschrieb mit meinen eigenen Fantasien. 


FAZIT

Ein tolles Buch, das ich jungen Lesenden ebenso wie Erwachsenen ans Herz legen kann. Ein All-Ager für alle, die es wagen, sich dem zu stellen, was hinter der Dunkelheit lauert ;-)

SaschaSalamander 27.01.2020, 14.13

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