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Ausgewählter Beitrag

Stigma

Über STIGMA von Kazuya Minekura stieß ich zufällig. Und ich war sofort angetan von all den Dingen, die ich schon beim ersten flüchtigen Blättern entdecken konnte. Daher konnte ich das Büchlein nicht mehr weglegen und wollte es sofort lesen. 


Die Kapitelüberschriften sind mal auf Englisch, mal auf Deutsch, sie machen neugierig und verraten noch nichts über den Inhalt. Die Gestaltung des Werkes ist größer als ein typischer Manga, dafür etwas dünner. Die komplett farbigen Bilder sind gedruckt auf dickem, glänzenden Papier, es ist eine Freude beim Umblättern und Betrachten. Das Heft ist komplett in Silber, nur der Titel ziert den Einband. Darüber ist ein transparenter Schutzumschlag: hinten der kleine Junge, vorne der erwachsene Protagonist, außerdem ein Loch (gleich einer Brandwunde), durch welches ein Teil des Titels zu sehen ist. Eine ähnliche Gestaltung kennen Mangafans bereits von CLOVER, die Parallele sticht sofort ins Auge. Auch der melancholische Zeichenstil und viele einzelnen Elemente (Federn, Vogelkäfig) erinnern an dieses Clamp-Werk. 

Zum Inhalt: Der Protagonist hat keinen Namen. Keine Erinnerung. Wo er auch auftaucht, trägt er mal den Namen Ziggy, mal ruft man ihn Toy, Wood oder Killy. Zu Beginn der Geschichte wird ihm nun erneut etwas genommen, und er versinkt immer tiefer. Da fällt ihm ein Junge vor die Füße. Die beiden freunden sich an, er beschützt das Kind und bekommt durch ihn neue Hoffnung. Beide sind auf der Suche, beide finden sie eine Antwort. Nicht die erhoffte Antwort, aber doch eine Zukunft ... 

Seite 10: Ich habe keine Vergangenheit. Genauer gesagt, ich erinnere mich an keine. Ob ich irgendwo herausgefallen bin oder mich selbst weggeworfen habe ... ich erwachte eines Tages, begraben unter einem Berg von "Relikten der Vergangenheit"

Die Geschichte wird nicht wie in Mangas meist üblich durch Sprechblasen erzählt, sondern als kurzer Text zwischen den Panels und neben den Bildern. In einem inneren Monolog teilt der tragische Held seine Gedanken, meist sind es philosophische Betrachtungen über das Leben, die Vergangenheit, das Vergessen, die Sinnhaftigkeit der Dinge. Zwischendurch sind einzelne Worte farblich hervorgehoben, und gelegentlich bekommt ein anderer Charakter einen kurzen Satz zugeschrieben. Die Farbwahl und die Aussagen sind dabei meist symbolisch und funktionierenauf unterschiedlichen Kanälen, sowohl in der Gestaltung der Darstellung wie auch im Inhalt als auch auf einer metaphorischen Ebene.

Auch die Zeichnungen sind ungewöhnlich. Mal sind sie in schwarz/weiß gehalten, ein andermal dominieren starke, aussagekräftige Farben. Und gelegentlich ist das gesamte Bild getaucht in Sepia, Grau oder Rot. Manche Bilder sind sehr klar in den Umrissen getrennt, andere sind wie verwaschen, andere bestehen aus skizzenhaften Andeutungen. Einige sehen aus wie Bleistiftzeichnungen, andere wie knallbunte Comicbilder mit vielen bunten Farben. Hintergründe gibt es nicht, der Fokus liegt völlig auf den Charakteren und Farben. Obwohl nur wenig zu sehen ist, dauerte das Lesen des Mangas für mich ebenso lange wie für einen "normal" gezeichneten Band, da das Betrachten der Bilder eine gewisse Zeit erfordert, wenn man sich in das Werk vertiefen und die unterschiedlichen Bedeutungen der Farben und Darstellungen erfassen möchte. 

Jede Szene wird auch aus ungewöhnlichen Perspektiven betrachtet. Oft fällt der Blick von schräg oben auf den Charakter, einige Male auch von unten nach oben. Einige Bilder stellen nur einen symbolischen Ausschnitt der kompletten Szene dar, um auf diese Weise den Blick auf die Bedeutung zu richten statt das gesamte Bild zu zeigen. Der Leser wird hier gefordert mitzudenken und der Handlung auch ohne Worte zu folgen. Die Seiten sind nicht überladen sondern lassen viel weißen Raum, auf dem das Gezeichnete wirken kann.

Zudem gibt es viele Metaphern. So fallen Federn vom Himmel, obwohl doch keine Vögel mehr fliegen. Ein Schmetterlings-Tatto, ein ausgestopfter Vogel, viele Geldscheine, die Flügel des Jungen, die Narben auf dem Körper des Prota. Märchenhaft, ein wenig wie Urban Fantasy im Western-Style, durchtränkt von Weltschmerz und Wehmut. 

Genretypisch würde ich das Werk als Dystopie einsortieren, denn es gibt vereinzelte Elemente, die darauf hindeuten, dass die Handlung in einer nahen Zukunft spielt. Allerdings sind diese zugleich auch Stilmittel (zB das Verdunkeln der Sonne, das Verschwinden der Vögel), auch werden keine weiteren Hintergründe genannt, bleibt die fremde / zukünftige (?) Welt ein Mysterium, verborgen hinter einem grauen Schleier. 

Das Wort STIGMA, welches dem Manga seinen Titel gibt, wird zwischendurch immer wieder definiert. Das Wort hat viele verschiedenen Bedeutungen, die sich im übertragenen Sinne gut auf die jeweiligen Kapitel anwenden lassen. 

STIGMA ist ein kurzer Manga, abgeschlossen mit diesem einen Band. Trotz der Kürze vermag Minekura eine sehr ausstrucksstarke und inhaltsreiche Geschichte zu erzählen, die den Leser sofort abtauchen lässt. Auch nach dem Lesen wirken die Bilder und Texte noch lange nach. Ein Werk, das aus der Masse heraussticht und eine ganz eigene, ungewöhnliche Geschichte erzählt.

SaschaSalamander 08.05.2017, 09.47

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