SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Zusammen werden wir leuchten

David ist ein normaler Junge in einer normalen Familie an einer normalen Schule. Die Pubertät und die nahende Vermännlichung macht ihm Angst, und sein großer Wunsch ist es, ein Mädchen zu sein.  -  Leo ist ein schwieriger Junge aus einer schwierigen Familie und kommt von einer schwierigen Schule. Der Schulwechsel macht ihm Angst, und sein großer Wunsch ist es, seinen Vater zu treffen. - Zwei Jungen, die scheinbar nichts gemeinsam haben. Beide haben ein Ziel und arbeiten darauf hin. Sie lernen sich besser kennen und stellen fest: gemeinsam können sie es schaffen ...


Es ist eine klassische Geschichte der Kategorie Slice of Life (Ausschnitt eines Lebens wird näher beleuchtet) bzw Coming of Age (Erwachsenwerden). Zwar gibt es die Haupthandlung, dass Leo seinen Vater treffen möchte und David mit dem Gedanken an ein Outing spielt, aber dennoch sind diese beiden Aspekte nur eine Art roter Faden. Im Grunde geht es darum, mit welchen Problemen sie sich beide im Alltag konfrontiert werden: 

David könnte es eigentlich sehr gut haben, er hat eine tolle Familie, wird geliebt und gefördert. Trotzdem ist er ein Außenseiter und fühlt sich aufgrund seines Geheimnisses oft einsam. Seine beiden Freunde halten zu ihm, doch die anderen Schüler spüren, dass er anders ist und ziehen ihn immer wieder auf, Mobbing gehört zu Davids Alltag.

Leo steckt voller Wut und Angst, er ist wütend auf seine Mutter, auf die Gesellschaft, auf die wechselnden Beziehungen der Mutter, eigentlich ist er der "Mann im Haus", wenn nicht gerade irgendein neuer Lover ihm das Ruder aus der Hand reißen will. 

Die beiden Charaktere werden sehr schön beschrieben. Was mir besonders gefällt: es gibt nicht "das eine große Thema", denn die Jugendlichen sind in der Pubertät und manchmal einfach überfordert. Davon, wie die Mädchen sie anflirten, davon wie sie sich im Alltag behaupten müssen, davon wie Erwartungshaltungen und eigenes Auftreten voneinander abweichen. Sie müssen lernen, sich klar zu werden über sich selbst, über ihre Umwelt, über ihre Rolle im Leben. Erwachsenwerden ist nicht einfach, und ganz besonders schwer ist es mit dem Geheimnis, welches die beiden in sich tragen. 

Dadurch, dass beide ganz normale Jugendliche sind, wird es für den Leser sehr gut nachvollziehbar. Man leidet mit David, wenn er wieder einmal vom Schulbully lächerlich gemacht wird, und ein heiliger Zorn wallt auf, wenn Leo endlich mal die Fäuste sprechen lässt und für etwas bestraft wird, weil er als einziger handelt statt wie die anderen nur zuzusehen. Hochemotional, weil so alltäglich, weil so natürlich, weil wohl jeder die ein oder andere Situation schon erlebt hat. 

In manchen Rezensionen lese ich, dass Trans* leider nur ein Randthema ist und sie sich mehr darüber gewünscht hätten. Nun, sorry, Folks, aber - auch für einen trans*identen Jugendlichen gibt es noch andere Dinge im Leben, und nicht immer dreht sich alles nur um ein Thema. Daher finde ich die Darstellung sehr realistisch und glaubwürdig. 

Was für das Genre typisch ist, manche Leser aber etwas langweilen könnte: der Spannungsbogen ist recht flach. Es gibt zwar ein paar aufregende Momente (etwa als David wieder gemobbt wird oder Leo von seiner alten Schule erzählt) aber im Grunde begleitet man die beiden einfach durch Höhen und Tiefen. Nur gegen Ende gibt es ein Art Höhepunkt, der aber wieder nicht in Spannung oder Action gipfelt sondern vielmehr in einer hochemotionalen Szene, die beide vor neue Aufgaben stellt. 

Mir hat das Buch außerordentlich gut gefallen. Es liest sich mit seiner einfachen Sprache sehr flüssig, und auch der Humor kommt nicht zu kurz, immer wieder wird die Handlung dadurch etwas aufgelockert ohne albern zu werden oder das Thema ins Lächerliche zu ziehen. Eben die Tücken des Alltags, mit denen die beiden zu kämpfen haben. Die Protagonisten sind lebensnah und sympathisch. Selbst, wenn dem Leser die Probleme in dieser Form nicht bekannt sind, werden sie nachvollziehbar geschildert, sodass auch Cis-Leser (in dem Geschlecht "zu Hause", in dem sie geboren wurden) sich sehr gut in David hineinversetzen können. Ich finde solche Bücher wichtig, weil sie Verständnis wecken und Probleme aufzeigen ohne dabei auf die Tränendrüse zu drücken oder es unnötig zu dramatisieren. Sie wecken Neugier und machen themenfremden Lesern Lust, mehr darüber zu erfahren. 

Ein Buch, das ich jungen Lesern auf jeden Fall ans Herz legen möchte. Auch Erwachsene, die sich für das Thema interessieren sowie Betroffene werden ihre Freude an dem Buch haben. 

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Es gibt noch etwas, das ich wichtig zu erwähnen finde, weil es das Interesse am Thema für manche Leser steigern dürfte. Ist es ein Spoiler? Nein, ich denke nicht. Es ist lediglich ein Textausschnitt von Seite 20 f. To whom it concerns ;-)

Es ist heiß, sie essen ein Eis, alle schwitzen. Leo muss einkaufen gehen und zieht seinen weiten schlabbrigen Kapuzenpulli an: "Ich ziehe meinen Hoodie über und gehe schnell und mit gesenktem Kopf, Schweiß läuft mir über den Rücken und unter den Armen herab." [...] also ziehe ich meine Kapuze weiter ins Gesicht und den Reißverschluss ganz hoch, so dass man nur noch meine Augen sehen kann"

SaschaSalamander 04.04.2016, 08.42

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