SaschaSalamander

Ausgewählter Beitrag

Der geheime Garten von Nagano Broadway

DER GEHEIME GARTEN VON NAKANO BROADWAY hat keine explizite, fortlaufende Handlung. Es sind kleine Spaziergänge, kurze Episoden. Man könnte sie im Grunde in beliebiger Reihenfolge lesen. Der Autor ging spazieren und schildert seine Eindrücke, setzt sie künstlerisch um.

Der Protagonist spaziert auf unterschiedlichen Wegen zwischen Arbeit und zu Hause oder in seiner Freizeit. In einer kleinen Seitenstraße findet er ein Handwerksgeschäft und lässt sich inspirieren. Er entdeckt ein altes Haus, in das er früher beinahe eingezogen wäre und beginnt sich zu erinnern, vergleiche das Viertel damals und heute. In einem Lokal wird er gebeten, den gutmütigen Hund der Inhaberin spazierenzuführen und erlebt mit dem Tier die Stadt von einer neuen Seite. Er findet ein leckeres Ramen-Lokal und genießt die Schlichtheit einer Nudelsuppe. Ein andermal stolpert er in ein Hippie-Festival und trifft Freunde aus Jugendtagen. Er lässt sich treiben, trifft spannende Menschen und sammelt in seiner Aufgeschlossenheit viele neue Erfahrungen.




AUTOR / MANGAKA

Jiro Taniguchi ist einer der großen und bekannten Manga-Zeichner, über den zu schreiben mir schwerfällt. Sein Werk hat für mich sehr viel Tiefe und Bedeutung, und ich habe das Gefühl, solchen für mich großen Leuten kaum gerecht werden zu können. Deswegen einfach mal der Link zu seinem >Wiki-Beitrag< sowie ein Link in meinem Blog zu einem anderen seiner Werke: >DIE STADT UND DAS MÄDCHEN<.

Hier arbeitete Taniguchi an den Zeichnungen, wie bereits in DER GOURMET setzt er dafür die Texte des Autors Masayuki Kusumi um.


ERZÄHLSTIL

Ohne Melodram, ohne Kitsch, ohne Sentimentalität folgt der Leser den Gedanken des Protagonisten. Was ist der Sinn der Arbeit? Worauf kommt es im Leben an? Wie fühlt es sich an, älter zu werden? Welche Menschen sind ihm wichtig?

Der Manga strahlt eine verspielte Tiefgründigkeit aus. Klingt nach einem Widerspruch, aber so habe ich es tatsächlich empfunden. Es liest sich leichtfüßig, humorvoll, mit einem Lächeln im Gesicht, und doch werden teils existenzielle Fragen gestellt. Kein Zeigefinger, keine Antwort, nur ein sanftes Lächeln beim Betrachten der Bilder, die im Kopf des Lesers automatisch entstehen.

Das Büchlein ist sehr kurz, gerade einmal 94 Seiten (wenn man Impressum usw abzieht), 17 davon sind Text (dazu gleich mehr). Auf 77 gezeichneten Seiten werden also acht Episoden erzählt. Unglaublich, wenn ich rückblickend für mich erkenne, wie intensiv und eindrücklich sie erzählt wurden und wieviel Inhalt sie vermittelt haben. Trotz dieser bewundernswerten Erzähldichte ist der Lesefluss leichtfüßig und entspannt.


ZEICHNUNGEN

Dazu tragen vor allem die Zeichngen von Jiro Taniguchi bei. Ich mag seinen erwachsenen, etwas westlich angehauchten Stil. Klare Panel-Aufteilung, keine unnötigen Schnörkel, ein hervorragender Umgang mit Rasterfolie wie auch Pinsel usw. Mehr dazu schildert der Autor später in den Textseiten. Im Original wurde das Heft in größerem Format veröffentlicht, und das kann ich mir sehr gut vorstellen:

Die Bilder sind sehr ausdrucksstark. Der eigentliche Protagonist ist der Mensch, doch er ist nur grob umrissen, hat keine unnötigen Schnörkel oder Details. Eigentlicher "Held" der Geschichte ist die Stadt. Die kleinen Gässchen, die weiten Felder, die Parks, die Treppen, die Geschäfte. Jedes Bild fühlt sich an, als bliebe man bei einem Stadtbummel stehen und würde sich ganz bewusst umsehen. Neue Fassaden neben altem Holzbau. Bepflanzungen an den Hauswänden. Andere Spaziergänger. Die Schaufenster der Geschäfte. Das bunte Treiben auf dem Festival. All diese Eindrücke bringt Taniguchi meisterlich zu Papier und lässt den Leser teilhaben, als wäre man selbst dort.

Die Geschichten sind so intensiv erzählt und gezeichnet, dass es auch nicht schadet, nach einer Episode innezuhalten und entweder ein wenig nachzudenken, oder aber den Manga beiseite zu legen und erst später weiterzulesen, um die kostbaren kleinen Momente einzeln wirken zu lassen.

Ich war überrascht, dass ich für diesen eher textarmen Manga mit den wenigen Seiten tatsächlich fast doppelt so lange zum Lesen benötigte als für einen meiner sonstigen Titel. Aber darin zeigt sich Taniguchis Talent: er ist ein Künstler, der verzaubert und in dessen Bildern man sich verliert. Seine Bilder lösen Gefühle aus und bringen die Seele des Lesers zum Schwingen.


CHARAKTERE

Neben dem Protagonisten gibt es verschiedene kleine Nebenfiguren. Seine Ehefrau, einzelne Verkäufer oder Inhaber, alte Klassenkameraden, ein Geschäftsmann und viele weitere. Teils begegnet man ihnen nur über sehr wenige Panel, und doch hinterlassen sie einen bleibenden Eindruck. Kusumi und Taniguchi skizzieren die Figuren so gut, dass man über sie binnen weniger Momente besser zu kennen meint als manchen Hauptcharakter nach mehreren Bänden. Sie alle sind so herzlich, so liebenswert, man möchte sie am liebsten selbst kennen.


EXTRA

Am Ende der Episoden gibt es einen längeren Text. Der Autor Kusumi schildert, wie die Zusammenarbeit verlief und auf welche Weise er sich für dieses Werk vorbereitet hat. Manche seiner eigenen Erfahrungen flossen in den Manga ein, anderes blieb unerwähnt, wieder anderes hat er erfunden. Besonders spannend ist es zu lesen, was er zu den jeweiligen Kapiteln zu erzählen hat und welcher reale Hintergrund sich dort verbirgt. Er nimmt den Leser mit auf die Reise und weckt das Bedürfnis, am liebsten sofort selbst loszuziehen und die eigene Stadt zu erkunden.


EIGENE MEINUNG / FAZIT

DER GEHEIME GARTEN VON NAKANO BROADWAY hat mich überrascht und bewegt. Es war eine wunderbare Auszeit im Alltag, die ich genossen habe. Ich konnte mich gut darin wiederfinden. Denn wenn ich eine mir fremde Stadt besuche, halte ich mich nicht an Reiseführer oder Empfehlungen sondern erkunde die Stadt ebenso wie der Autor spontan fließend, und ich hatte dabei schon viele wunderbaren Begegnungen und Entdeckungen. Tatsächlich laufe ich auch gerne in meiner eigenen Heimat auf diese Weise durch die Gassen und bin erstaunt, wieviel Neues ich immer wieder entdecke. Dieser Manga war für mich eine Bereicherung und Inspiration.

SaschaSalamander 29.01.2020, 17.16

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