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Kicker im Kleid

KLAPPENTEXT
 
Dennis ist ein großer Fußballfan, genau wie alle seine Freunde, wie sein Vater und sein Bruder. Seine zweite Leidenschaft jedoch ist ein großes Geheimnis: Dennis liebt Mode. Jeden Monat kauft er sich eine neue «Vogue». Ein Glück, dass er in Lisa eine Verbündete findet - und eine gute Freundin. Bis Lisa auf eine ziemlich verrückte Idee kommt und Dennis einen noch verrückteren Einfall hat, wie er Fußball und Mode unter einen Hut bringen kann!


AUTOR / ZEICHNER

David Walliams muss man in England niemandem mehr vorstellen. Er ist neben Matt Lucas Teil des Duos "Little Britain". Außerdem ist er Kinderbuchautor und wird oft als Nachfolger von Roald Dahl (MATHILDA, CHARLIE UND DIE SCHOKOLADENFABRIK, HEXEN HEXEN uvm) bezeichnet. Ach ja, und dann ist da noch die britische Talentshow, bei der er in der Jury sitzt. Und er schwamm durch den Ärmelkanal, um Geld für ein Waisenhaus zu sammeln. Er ist einfach überall ;-)

Quentin Blake ist Cartoonist, Zeichner und Kinderbuchautor. Von ihm stammt auch das Buch >ZEICHNEN FÜR VERKANNTE KÜNSTLER<. Ich liebe seinen markanten Stil, mit dem er sofort den Kern pickt und mit knappen Strichen die Pointe herausarbeitet.


AUFBAU

Ganz klassisches Kinderbuch, die Handlung wie aus dem Lehrbuch: Charaktere werden eingeführt, erste Besonderheiten des Protagonisten werden aufgezeigt. Der Konflikt beginnt sich auszuweiten, Probleme tauchen auf. Es kommt zur Eskalation, und am Höhepunkt scheint alles verloren, der Held sieht keinen Ausweg mehr. Aber natürlich gibt es sehr wohl einen Ausweg, und die Freunde setzen alles daran, Dennis zu unterstützen. Im grandiosen Finale gibt es einen Moment, vergleichbar "Oh Käptn, mein Käptn", der dem kindlichen und auch dem erwachsenen Leser regelrecht das Pippi in die Augen treibt, so ergreifend (und zugleich lustig) ist diese Szene! 

Vom ersten zum letzten Satz ist das Buch so spannend, dass man es dazwischen einfach nicht beiseite legen kann. Kein unnötiges Wort, keine belanglose Exkursion, punktgenau und perfekt getimed. 


HANDLUNG / THEMA

Das Thema des Buches ist keinesfalls ein Junge, der ein Mädchen sein möchte. Sondern ein Junge, der sich als Junge fühlt und gerne ein Junge ist - der aber einfach gerne Mädchenkleider tragen möchte. Die sehen schöner aus, sind so weich, so bequem. Jungskleidung dagegen ist langweilig. Und warum soll er nicht auch einmal Freude daran haben, sich zu schminken und sich hübsch zurechtzumachen? Es ist eine Rolle, die er spielt, das ist ihm bewusst, und es macht ihm großen Spaß. 

Nur zu oft werden Transidentität und Crossdressing in einen Topf geworfen. Es mag zwar Schnittstellen geben, handelt sich aber dennoch um zwei verschiedene Themen. Ich finde es daher toll, dass David Walliams ein Buch geschrieben hat, wie ich in dieser Form keines anderes kenne, geschweige denn für Kinder. Offen, nachvollziehbar, herzwärmend, mit viel Humor und jeder Menge Mut zum Anderssein. 

Und klar, dass dieses Buch gerade aus England stammt: England und die Geschichte des Crossdressing ist ein langes, ausführliches Thema für sich, das hier den Rahmen sprengt aber hochinteressant ist. Und, unnötig zu erwähnen: auch Walliams ist für seine Rollen im TV schon oft sehr überzeugend und stilvoll in die weibliche Rolle geschlüpft. 

Aber, unabhängig vom Thema - es ist einfach ein großartiges Kinderbuch: Ein absolut durchschnittlicher Antiheld, mit dem sich jeder Leser sofort identifzieren kann, ob Junge oder Mädchen. Walliams pfeift auf Klischees und zeigt, dass es völlig egal ist, welche Hautfarbe, welches Geschlecht, welche Religion, welches Hobby - Hauptsache man steht zu sich selbst und behandelt seine Mitmenschen mit Respekt!


CHARAKTERE

Dennis ist wie gesagt ein sehr durchschnittliches Kind. Er hat Eigenschaften, die man Mädchen zuschreiben würde und andere, die typisch für Jungs sind. Er ist verliebt in ein älteres Mädchen, er rauft mit seinem Bruder, er leidet unter der Trennung seiner Eltern, und er weint sich heimlich in den Schlaf. Man muss ihn einfach mögen, möchte ihn herzen und drücken und zum Freund haben. 

Auch all die anderen Charaktere werden vom Autor in wenigen Sätzen treffend beschrieben. Darvesh ist der beste Freund, den ein Junge sich wünschen kann, und er hält zu seinem Kumpel, egal was dieser auch anstellt. Seine Mutter ist eine typisch peinliche Übermutter, die sich dessen jedoch bewusst ist und Dennis genauso unterstützt wie ihren eigenen Sohn. Dennis´Vater hat keinen Namen, er ist nur "Vater", reduziert auf seine Rolle, was umso deutlicher zeigt, wenn er dieser nicht gerecht wird und wiesehr Dennis unter der Situation leidet. Lisa ist ein Mädchen, mit dem man Pferde stehlen könnte, sie pfeift auf Normalität und ermutigt Dennis, seine Individualität zu leben. Auch die einzelnen Lehrkräfte werden sehr pointiert skizziert und sind so lebendig, als würden sie sofort aus dem Buch springen. 

Und dann wäre da noch Raj, der indische Kioskbesitzer, den ich auch schon in GANGSTA-OMA kennenlernte und der sich auch durch die anderen Kinderbücher von Walliams zieht. Ein Original, einfach genial und immer wieder gut für ein lautes Lachen. Seine Schlitzohrigkeit und sein Verkaufstalent sind immer wieder ein Running Gag, auf den ich mich jedes Mal freue. 


SCHREIBSTIL / ZEICHNUNGEN / ÜBERSETZUNG

Zeichnungen und Text bilden eine kongeniale Einheit: sie erfassen in aller Kürze und Präzision das Wesen der Dinge. Es genügt ein kurzer Blick auf das Bild, ein einzelner Satz, und es ist mehr gesagt als andere in komplexen Bildern und Texten vermögen. Obwohl sehr viel Handlung passiert und das Buch in großer Schrift mit vielen Bildern und breitem Rand nur knapp 200 Seiten umfasst, vermag der Autor sehr viel in die wenigen Zeilen zu legen. In nur zwei, drei Sätzen schildert er z.B. die Trostlosigkeit des Wohnviertels, in welchem Dennis und seine Familie wohnen. 

Walliams tritt als Ich-Erzähler auf. Das fällt mir bei britischen Medien oft auf: Ob nun Daniel Handler (aka >LEMONY SNICKET<), Philipp Ardagh (>EDDIE DICKENS<), Andy Stanton (>MR. GUM<). Auch im TV kennt man das, zB von LITTLE BRITAIN oder MONTY PYTHON. Immer wieder erwähnt der Autor unnötige Dinge, die nicht zur Handlung beitragen aber für jede Menge Humor sorgen. Oder er weist auf kommende Ereignisse hin. Oder erzählt von seiner Arbeit als Autor und wie eine Szene für das Buch entstand. 

Ich bevorzuge diese britischen Kinderbücher im Original. Aber nun habe ich also das Deutsche gelesen, und es hat mir dennoch sehr gefallen. Leider habe ich Walliams noch nicht im Original gelesen, sodass ich keinen Vergleich habe, ob das Buch in der Übersetzung durch Dorothee Haentjes-Holländer etwas an Charme verloren hat oder ideal umgesetzt wurde. Ohne Kenntnis des Originals jedenfalls fand ich den Stil witzig. Es gibt zwar keine Wortspiele (in diesem Genre typisch. Aber entweder macht Walliams das nicht, oder es wurde nicht übersetzt), dafür aber klare, einfache Sätze und jede Menge Humor in Form von Nebenbei-Erwähnungen. 

Die Sprache ist sehr schlicht, passt zum insgesamt einfachen Stil. Dadurch ist das Buch vor allem auch für sehr junge Leser geeignet. Trotzdem gibt es viel zu Lachen. Für ältere Leser ist das Buch in einem Rutsch gelesen, bietet sprachlich wenig Herausforderung und konzentriert sich dafür sehr auf den Text, der eine überaus wichtige Botschaft transportiert.


FAZIT 

KICKER IM KLEID ist ein absoluter Page-Turner für Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Für Mädchen und Jungen. Zum Vorlesen und Selberlesen. Auch Lesemuffel werden von diesem Buch begeistert sein. David Walliams schafft es, eine wertvolle Botschaft so zu verpacken, dass alle Freude daran haben und gar nicht anders können, als dieses Buch zu lieben! 

SaschaSalamander 27.03.2017, 08.46

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