SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Unter Fremden

KLAPPENTEXT

"Meine Gegenwart besteht aus drei einfachen Worten: Ich.Bin.Allein."
Die junge Syrerin Madiha flieht aus ihrer Heimat und landet in einer deutschen Flüchtlingsunterkunft. Die strapaziöse Flucht überlebt sie nur durch die Hilfe eines fremden Mannes, Harun. Eines Morgens ist Harun verschwunden. Mitten in der neuen, fremden Welt begibt sich Madiha auf eine lebensgefährliche Suche."


AUTORIN

>Jutta Profijt< ist mir vor allem durch die >KÜHLFACH-Reihe< bekannt. Außerdem durfte ich sie bei der >Kriminale in Nürnberg< live erleben. Ich erlebte sie vor Ort genauso wie in den Büchern als quirlig und frech-humorvoll. Auch ihre anderen Titel (die ich noch nicht gelesen habe, die aber bereits auf meinem Stapel liegen) versprechen lustige und unterhaltsame Lektüre. Umso mehr war ich überrascht, dass sie mit UNTER FREMDEN nun einen sehr ernsten Roman veröffentlichte. Klar, dass mich das neugierig machte. Und ich gebe zu: ich war während des Lesens sehr überrascht über diesen völlig anderen Stil, den Ernst des Themas aber vor allem die ungeschönte Wucht des Inhalts. Wieder konnte sie mich nicht nur überzeugen sondern begeistern. 


AUFBAU, SPANNUNGSBOGEN

Die Geschichte beginnt wie zu erwarten: die Protagonistin wird vorgestellt, ihr Alltag im Wohnheim geschildert, eine Beziehung zwischen ihr und dem Leser aufgebaut. Dann verschwindet Harun, und ab hier beginnt ein Spannungsbogen mit ungewöhnlicher Sogkraft: das Geschehen reißt die junge Frau mit sich, sie hat keine Chance zum Verarbeiten, bevor schon der nächste Handlungsstrang beginnt. Sie lernt neue Menschen kennen, schließt Freundschaften, wird in polizeiliche Ermittlungen gezogen, arbeitet als Aushilfe, wird verfolgt, übernimmt Verantwortung für ein Kind, hilft als Dolmetscherin, trifft in Deutschland auf Familienangehörige, ihr Leben wird immer wieder durcheinandergewirbelt. Sie ist überfordert von dem Tempo, den Ereignissen. Möchte doch nur herausfinden, was mit Harun geschehen ist, ahnt nichts von der Tragweite ihres Vorhabens.

Madiha erfährt immer mehr Dinge, die sie niemandem anvertrauen kann. Die Belastung wird immer größer, Menschen müssen sterben, bis sie selbst tief in einem Sumpf des Verbrechens steckt und ihr eigenes Leben in Gefahr ist. Der Spannungsbogen steigt bis zum Höhepunkt konstant an. 

Der Leser steigt langsam ein, die Spannung steigt kontinuierlich, das Tempo zieht immer rascher an, genau so wie ein gut aufgebautes Buch den Leser mit sich reißen muss.


SPRACHE, STIL

Es ist eher selten, dass ich so ausführlich über die Sprache eines Buches rezensiere. Hier aber ist es mir ein Bedürfnis, denn die Sprache und Wortwahl ist der Handlung angepasst, entwickelt sich gemeinsam mit der Protagonistin weiter.

Interessant ist die eher ruhige Sprache im Gegensatz zum stets wachsenden Spannungsbogen. Die Handlung lässt keine Zeit zu Atmen, die Sprache dagegen ist ruhig, besonnen. Madiha ist gehbehindert, kann sich nur unter Mühe vorwärtsbewegen, sie lernte in ihrer Heimat Zurückhaltung, Bescheidenheit und Schweigen. Daher ist der Schreibstil zu Beginn eher langsam, gemütlich, ihrem Tempo angepasst. Die Sprache der Ich-Erzählerin (welche als Kind Deutsch lernte, dies aber kaum sprach) ist also angemessen ruhig, enthält nur wenige einfache Nebensätze. Keine Fremdworte, schlichte Begriffe. Doch die Leichtigkeit der Worte täuscht über die Tiefe des Inhalts hinweg: "In der Heimat war ich oft allein, aber solange ich bei meinem Vater war, nicht einsam. Nun bin ich einsam, aber praktisch nie allein."

Je weiter die Handlung voranschreitet, je mehr neue Worte Madiha lernt, je mehr sie von der Beobachterin zur aktiv Handelnden wird, desto komplexer und temporeicher wird auch die Sprache. Anfangs las ich das Buch mit vielen Pausen, ließ den Inhalt wirken, konnte es trotz der Spannung gut beiseite legen, doch das letzte Drittel erlaubt keine Pause mehr, reißt den Leser und die Protagonistin mit sich. 

Madiha schildert ihre Momentaufnahmen mit allen Sinnen. Die Intensität der Beschreibungen erinnerten mich stellenweise (nicht nur wegen des Themas) an >MONSIEUR LINH<. Wie ein Autor mit Worten malen kann, habe ich >hier< geschildert. UNTER FREMDEN ist eines der Bücher, das sehr eindringliche Bilder im Leser weckt. Und ich bin erstaunt, wie wandlungsfähig die Autorin sich zeigt, deren Handschrift ich hier definitiv nicht erkannt hätte.

Der Leser erfährt sehr viel über das Leben vor der Flucht, über die Familie. Dies geschieht nicht einfach durch Erzählungen oder Erinnerungen. Sondern in Form von Triggern, die Flashbacks auslösen. Auch Briefe erzählen aus der Vergangenheit, ebenso tauscht sie sich mit anderen Flüchtlingen aus. Das ist ein geschickter Kniff, durch den die Schilderungen direkt in die Handlung eingebunden sind und keiner umständlichen Zeitsprünge bedürfen.  

Interessant ist, dass zu Beginn sehr viel indirekte Rede zu lesen ist (was selten in Romanen vorkommt, mir aber als Kontrast zu sonst oft künstlich wirkenden Dialogen sehr gefällt). Madiha ist zu Beginn nur eine Beobachterin, sie redet wenig, sodass der Leser nur ihren Gedanken folgt. Je häufiger sie angesprochen wird und selbst sprechen muss, desto seltener wird die indirekte Rede, desto mehr Dialoge sind zu lesen. Auch hier also eine Wandlung der Sprache im Verlauf der Handlung.


CHARAKTERE

Madiha ist eine ungewöhnliche Frau. Sie wirkt ruhig, trägt einen Hidjab, das Besondere an ihr scheint nach außen hin lediglich der Gehstock. Doch sie hat einen wachen Geist, eine messerscharfe Beobachtungsgabe. Obwohl sie auf dem Dorf keine teure Bildung erhalten hat, obwohl sie streng religiös erzogen wurde und in alten Mustern gefangen ist, beginnt sie sich aus diesen Fesseln zu lösen. Es arbeitet in ihr, sie zieht immer wieder neue Schlüsse, lernt ihre Perönlichkeit zu wahren und dennoch den neuen Gegebenheiten anzupassen. Sie entwickelt sich stets weiter, wird sich ihrer eigenen Stärke bewusst. 

Sie verkörpert in kurzer Zeit so viele Rollen, dass ihr die Aufgaben über den Kopf wachsen. Sie ist eine religiöse Frau, möchte einfach nur als Mensch gesehen werden. Sie möchte Köchin sein, Tochter, Freundin. Doch andere sehen in ihr Dolmetscherin, Pflegemutter, Flüchtling, Fremde, Fremde, Zeugin, Mitbewohnerin, Verdächtige. Sie kann und will all diesen Erwartungen nicht gerecht werden.

Schon nach wenigen Seiten ist sie dem Leser sympathisch. Man leidet mit ihr, ihre Resignation ist spürbar, die vermeintliche Hoffnungslosigkeit in diesem fremden Land ist kaum zu ertragen während des Lesens. Doch ihr Mut und ihre Entschlossenheit ließen mich Bewunderung für diese Frau empfinden, die nur ein fiktiver Charakter ist aber so lebendig dargestellt wurde, als sei die Autorin ihr persönlich begegnet. 

Auch die anderen Figuren sind sehr gut beschrieben. Etwa die Sozialarbeiterin Amelie, die es doch "nur gut meint", der aufgrund der fehlenden Lebenserfahrung oft das Verständnis fehlt und deren professionelle Distanz ob des täglichen Leidens für Madiha unbegreiflich ist. Der gutmütige Jean, der ihr eine große Stütze ist und im Lauf der Handlung eine nachvollziehbare aber sehr drastische Wandlung erlebt. Ihr Onkel, der nicht dem Bild entspricht, welches sie zuvor von ihrer Familie vermittelt bekam. Der Kommissar, der immer wieder zwischen Verständnis und Pflichterfüllung balanciert. 

Und vor allem: der kleine Faysal, den man einfach lieben muss ;-)

Die Autorin teilt nicht zwischen "Gut" und "Böse". Trotz der reinen Ich-Erzählung sind auch die anderen Charaktere in ihren Motiven transparent und glaubwürdig dargestellt. Alle haben gute Gründe für ihr Handeln, und ein Urteil zu fällen wird hier nahezu unmöglich gemacht. 


CLASH OF CULTURE / FISH OUT OF WATER

UNTER FREMDEN ist Krimi und Drama. Zugleich aber auch Clash of Culture / Fish out of water: das Buch lebt vor allem von den Gegensätzen und Konflikten, die durch Madihas altes Leben und die deutsche Kultur entstehen. Als Ich-Erzählerin sieht sie täglich Dinge, welche ihr unbegreiflich sind. Hunde sind unrein, doch in Deutschland werden sie als Haustiere gehalten. Kaffee in Bechern für unterwegs, überall Gartenzäune und Rasenflächen aber keine Hühner Kühe Ziegen darauf. Frauen sehen den Männern in die Augen, geben ihnen sogar die Hand oder dürfen gar den gleichen Raum betreten. Man erwartet von ihr, sich zu integrieren, doch das bedeutet oft, dass sie gegen ihr Gewissen handeln muss, sie ist verwirrt und hilflos, weiß nicht was richtig oder falsch ist. Man spricht von "Integration", doch in diesem Buch wird aus Sicht der Frau begreifbar, warum es vielen Betroffenen schwer fällt. Der deutsche Polizist sieht eine Frau, die zu Boden blickt und schweigt, er ärgert sich über mangelnde Mitarbeit. Der Leser erfährt ihre Gedanken und weiß, dass sie keine andere Wahl hat als zu schweigen. 

Dieses Aufeinanderprallen der Kulturen ist ein Spiegel auf unsere Gesellschaft. Der Leser beginnt seine eigene Denkweise zu hinterfragen, den Horizont auch für andere Kulturen zu erweitern, deren Handeln zu begreifen. Die Autorin hat hier hervorragend recherchiert, ihr Fachwissen über die Kultur der muslimischen Frauen geht über simples Alltagswissen hinaus. Sie arbeitet auch den Unterschied heraus zwischen den unterdrückten Frauen aus ländlicher Gegend und den jungen, selbstbewussten Mädchen aus der Stadt, die mit aller Selbstverständlichkeit ins Café gehen, Männer ansehen und Widerworte wagen.


FAZIT

Ich erwartete einen schlichten Krimi mit einem aktuellen Thema, da von Profijt geschrieben eben unterhaltsam und flüssig zu lesen. Statt dessen bekam ich ein Buch, das mich sehr aufwühlte. Zu Beginn konnte ich nur sehr langsam lesen. Es ist ein hartes Thema, und gerade die schlichten Worte lassen es umso tiefer wirken. Doch obwohl sehr viel Leid geschildert wird, ist das Buch weder wehleidig noch anklagend noch ein kitschiges Drama. Es vermittelt Stärke, Kraft, Mut und Hoffnung inmitten von Krieg und Leid. Madiha ist eine Frau, die man nicht mehr vergisst!

SaschaSalamander 26.01.2018, 08.42

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Gabi K

Ich kann deine Rezension nur komplett unterschreiben. Mir ging es mit diesem Buch genauso.
Es hat mich noch lange beschäftigt und zwischendurch mußte ich mein eigenes Denken was Integrationswillen angeht noch einmal hinterfragen. Ein ganz tolles Buch und ich hoffe noch mehr von Madiha zu lesen.

vom 23.01.2018, 15.12


 






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